Stiftung gründen oder: ich kauf‘ mir meinen Verein

Einsam oder gemeinsam? Stiftung als One-Man-Verein?
Einsam oder gemeinsam? Stiftung als One-Man-Verein?

Stiftungen gibt es jetzt schon zum Dumpingpreis. Wer bei einigen Trägern, welche ihre Stiftung über das Stiftungszentrum München verwalten lassen, als Stifter aktiv werden will, kann dies mit 5.000 Euro und einer Treuhandstiftung bereits verwirklichen. Aber auch über dieser Minimalgrenze werden sehr viele Stiftungen mit einer verhältnismäßig geringen Kapitalausstattung errichtet. Bei den rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts sind es rund 73 Prozent, welche weniger als eine Million Euro Grundkapital haben. Bei den Treuhandstiftungen sieht die Zahl sicher eher noch schlechter aus. Und so ist, ohne dass man boshaft sein muss, der Zweifel naheliegend, ob sie jemals aus eigener Kraft tätig nachhaltig sein können. Viele Stiftungen sind nur dann in der Lage, wirksam zu werden, wenn sie hierfür Spenden erhalten und nicht auf Kapitalerträge bauen. Und damit unterscheidet sich solch eine Stiftung in der Wirkung gar nicht mehr so sehr von einem Verein.

Stiftung als eigener „Pseudo-Verein“?

Ist eine Kleinstiftung eigentlich ein Verein? Nein, natürlich nicht. Und deshalb, so meine These werden so viele Stiftungen errichtet. Denn für den Stifter oder die Stifterin hat es eine andere Wirkung. Denn ist der Verein eine Ansammlung von Personen mit gemeinsamem Ziel, so ist es bei der Stiftung eine Ansammlung von Kapital (welches sich selber gehört) – und einem Vorstand, der über die Geschicke der Stiftung bestimmt. Dabei hat dieser Vorstand erhebliche Handlungsfreiheit, sofern er sich im Rahmen der Satzung bewegt. Er ist nur der – meist nicht sehr kritischen – Stiftungsaufsicht beziehungsweise dem Treuhänder rechenschaftspflichtig. Aber es gibt keine kritischen Mitglieder, keine drohende Mitgliederversammlung oder hinzugewählte Vorstände mit abweichenden Meinungen.

Damit ist eine Stiftung ein ideales Mittel für Menschen, welche gemeinnützig tätig werden wollen, sich aber nicht der Mühe eines demokratischen Vereinslebens unterziehen wollen. Gleichwohl erhalten sie bzw. ihre Stiftung alle steuerlichen Vergünstigungen des Vereins.

Zugegeben, ein Gedanke, der für alle Vereinsgeschädigten einen starken Charme entwickeln kann.

Vom Verein zur Stiftung – vom Wir zum Ich?

Sind die vielen kleinen und kleinsten Stiftungen ein Symptom des gesellschaftlichen Trends vom Wir zum Ich? Sind Stiftungen ein Auswuchs des Selbstoptimierungs-Wahns unserer Gesellschaft? Die einzige Optimierung, die „ewig“ vorhält, Denkmalcharakter haben soll? Das ist eine spannende Frage. Kommt nach dem Start-Up, dem Ideal des selbständigen Unternehmers, nun das Ideal des selbstständigen Sozialunternehmers, anstelle des gemeinschaftlich im Verein tätigen Aktiven?

Ein wenig erinnert mich das an die Frage, welche in der Friedens- und Umweltbewegung immer wieder aufkam, wohin meine Steuergelder fließen. Kann oder darf ich darauf Einfluss nehmen? Gesellschaftlich haben wir uns dagegen entschieden. Doch beim Stiftungswesen erleben wir einen anderen Trend. In den USA wurde diese gegendemokratische Bewegung der Stiftungen in den 60er Jahren stark diskutiert, ganz aktuell erneut im Kontext der Gates-Stiftung mit ihrem dominanten Auftreten.

Stiftung – damit was bleibt? Eher nicht!

Die Frage, ob wir all die Klein- und Kleinststiftungen benötigen, wird derzeit verschiedentlich diskutiert. Andreas Schiemenz wurde dazu im Wirtschaftsmagazin brand eins interviewt und bringt es mit dem Satz „Wenn Sie ein Denkmal wollen, bauen Sie sich eines.“ auf den Punkt. Denn trotz des Ewigkeitsanspruchs einer Stiftung, sind die Hauptnutznießer nach dem Tod des Stifters häufig nur die Finanzinstitute, welche die Stiftungsmittel verwalten und entsprechende Provisionen und Gebühren berechnen. Aus diesem Grund sind die Banken auch enorm engagiert beim Beraten potentieller Stifter. Denn so haben sie die Gewissheit, dass die Gelder im Haus bleiben und nicht bei irgendwelchen Erben landen.

Auch die ¨Stiftungswelt¨ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen hat das Thema zum Schwerpunkt im aktuellen Heft gemacht. Auch dort wird diskutiert, wie durch Fundraising solchen Klein- und Kleinststiftungen Leben eingehaucht werden kann, wie durch Kooperationen der Stiftungszweck erfüllt werden kann. Alles richtig – aber hätte man dafür das Ewigkeitsinstrument Stiftung errichten müssen?

Ego-verträgliche Alternativen zur Stiftung

Gäbe es nicht eine andere Konstruktion als den deutschen Verein, in welcher philanthropisch eingestellte Menschen gemeinnützig wirken könnten, ohne dass dafür viel Geld auf ewig in einer Stiftung vergraben wäre und sie gleichwohl eigenständig agieren könnten? Welche Rechtsform bieten wir als Gesellschaft Menschen an, die sich als ¨Macher¨ verstehen und sich nicht in eine Gemeinschaft einordnen möchten oder können, zum Beispiel mangels Angebot?

Denn betrachten wir es doch realistisch. Die meisten Stiftungen, welche von Einzelpersonen errichtet werden, fallen nach dem Tod des Gründers – spätestens mit der übernächsten – Generation dem Dornröschenschlaf anheim und erfreuen in erster Linie die vermögensverwaltenden Institute. Denn ohne frisches Kapital, zufließende Spenden und aktive Arbeit, reichen die Erträge meist gerade, um die Verwaltungskosten zu decken.

Wäre es sinnvoll, die Form der gemeinnützigen GmbH als Alternative zu durchdenken? Diese bietet viele Gestaltungsspielräume. Und das Grundkapital kann nach Auflösung der gGmbH in den sozialen Kreislauf zurückkehren.

Alternativ bietet sich – wenn es denn eine Stiftung sein soll – verstärkt an, über die jetzt offiziell mögliche Verzehrstiftung nachzudenken. Bei dieser wird satzungsgemäß festgelegt, dass das Stiftungskapital innerhalb eines definierten Zeitraums (mindestens 10 Jahre) im Rahmen des Stiftungszwecks verbraucht werden kann.

Engagementberatung

Sind diese vielen kleinen Stiftungen nicht auch ein Ausdruck des Unvermögens etablierter Organisationen, möglichen Großspendern / Mäzenen / Sozialunternehmern besondere Formen des Engagements und der Mitbestimmung anzubieten?

Wäre unserer Gesellschaft – und all den Gutes tun wollenden Menschen – geholfen, wenn es freie Engagementberater gäbe? Menschen, welche unabhängig von Provisionen oder Vereinsinteressen gegen Honorar beraten, welche Form des Engagements zur Persönlichkeit und den Zielen und Idealen des Auftraggebers passt. Denn momentan muss sich das noch jeder selber mühselig erarbeiten.

Befangenheit: Ich selber habe zwei Gemeinschafts-Stiftungen maßgeblich für meine Arbeitgeber aufgebaut und bei einer Stiftung meiner Kirchengemeinde beratend mitgewirkt.

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