Selber denken!

rob-woods-newsletter
Ausschnitt aus dem Newsletter von Rob Woods, Hervorhebungen durch mich.

Da ist sie wieder: Die Verheißung, dass es garantierte Rezepte im Fundraising gibt und die großen Spendenorganisationen mit ihren Ansätzen schon richtig liegen. Heute kam sie wieder in Form des Newsletters vom Rob Woods, der mit http://brightspotfundraising.co.uk/ primär den britischen Markt bedient.

„UNICEF UK, Oxford University and NSPCC can’t all be wrong“, so heißt es etwas reißerisch und verheißend in einer Ankündigung zu seinem aktuellen Seminar. Der Verweis, dass alle etwas machen würden, ist zwar sehr menschlich, aber trotzdem kein Ersatz für einen nachprüfbare Ursachen-Wirkungs-Kette.

Wir Fundraiser sind ja irgendwie noch Jäger und Sammler. Zumindest predige ich das in meinen Seminaren immer in Hinblick darauf, sich möglichst umfassend mit Materialien / Mailings anderer Vereine und Organisationen einzudecken.

Denken statt kopieren

Nun kommt aber der schwierige Teil. Denn so manches Mal erlebte ich – auch mit eigenen Materialien, insbesondere der Stiftungsbroschüre -, dass die Materialien nicht zur Inspiration, sondern als Kopiervorlage genutzt werden. Das ist die große Gefahr, wenn man die Drucksachen anderer ansieht. Viel sinnvoller als das bloße Kopieren und Abschreiben der Unterlagen wäre es, sich über die Hintergründe ihrer Entstehung Gedanken zu machen.

  • Warum wurde ein Mailing so und nicht anders getextet?
  • Welche Zielgruppe wird wohl damit angesprochen?
  • Aus welchem Grund wurde …

Es sind die Warum-Fragen, welche uns weiterbringen. Denn diese Warumfragen leiten uns an, nicht vom Ergebnis (Flyer, Mailing) her zu denken, sondern von der Fundraising-Fragestellung her. Und die Fragestellung ist es möglicherweise, welche wir kopieren können. Denn die Grundfragen sind häufig die gleichen, quer durch die Fundraising-Szene.

In Seminaren erlebe ich immer wieder, insbesondere beim Thema Stiftungsgründung, dass die Teilnehmenden im Anschluss meinen, dass solch eine Stiftungsgründung ja nur bei der eva möglich sei. Für sie als Vertreter kleinerer Organisationen oder Kirchengemeinden wäre das Seminar eigentlich vergeblich, denn es wäre nicht anwendbar. Diese Statements entsetzen mich dann regelmäßig, denn zuvor hatte ich bereits gebetsmühlenartig gepredigt, dass es nicht darum ginge, die Materialien und das Konzept 1:1 zu kopieren. Es käme darauf an, die dahinter liegenden Überlegungen zu verstehen (Höhe einer Zustiftung, Dramaturgie der Werbephase, Auswahl der Testimonials, Text-Konzept …) und dann für die eigene Organisation die passenden Antworten zu entwickeln. Aber diese Überlegung scheint oft zu abstrakt, das Kopieren – und Scheitern – zu einfach.

Best practice-Beispiele sind eine tolle Sache, um im Fundraising zu lernen. Aber nur dann, wenn man erfährt, welche Überlegungen zu welchen Handlungen führten. Denn erst durch dieses Hintergrundwissen kann ich den notwendigen Transfer in meine Organisation auf den Weg bringen.

Von den „Großen“ lernen?

Im Newsletter von Rob Woods ist es klar: Von den Großen NGOs lernen, heißt Siegen lernen. Doch das halte ich für einen Fehlschluss. Vielleicht agieren große NGOs einfach so, wie sie es tun, weil sie keine andere Möglichkeit sehen? Möglicherweise haben mittlere und kleinere NGOs ganz andere und für sie bessere Lösungsmöglichkeiten, um erfolgreich Fundraising zu betreiben. Nein, die großen NGOs haben wahrlich nicht immer die besten Mailings oder die schönsten Beilagen und Incentives. Oft wirken sie nur durch schiere „Masse“, man denke nur an die Flut der Beilagen von „Plan International“ in den Zeitschriften.

Fundraising ist zu einem großen Teil strategisches Denken, das Reindenken in die Motive der Spenderinnen und Spender – und daraus resultierend ein einzigartiger und unverwechselbarer Fundraising-Mix der eigenen Organisation. Das ist es, was sich von erfolgreichen Fundraising-Organisationen lernen lässt – nicht das Kopieren einzelner Bausteine.

Mein Tipp: Viel lesen, viel sammeln. Aber selbst denken!

5 Gedanken zu „Selber denken!“

  1. Hallo Kai,

    den Zuhörern in meinen Seminaren sage ich immer: Jede Organisation hat IHRE Spender. Lerne sie kennen und handle danach. Denn gute Ideen anwenden zu wollen, ist nichts Schlechtes, aber es muss auch passen. Den meisten fehlt einfach im Alltagsstress die Zeit um sich mal intensiver damit zu beschäftigen. Da scheint das Kopieren einfacher als sich mal eine Auszeit für eigene Gedanken zu nehmen. Habe das gerade eindrucksvoll in einem Seminar erlebt, welch kreative Kraft in den Kollegen steckt. Sie muß nur geweckt werden und dafür sind Beispiele gut.
    Viele Grüße aus Dresden

    Matthias

    1. Hallo Matthias,
      ja, die besten Seminare sind die, bei welchen die Teilnehmenden selber an ihren Projekten und Ideen arbeiten können. Denn dann merken sie, wie viel sie selber können und wie individuell Lösungen aussehen können. Schade, dass sogar in sogenannten Workshops dafür meist kein Platz vorgesehen ist. Toll, dass Du diesen Samen in Dresden zum spießen bringst!
      Viele Grüße
      Kai

  2. Hallo Kai,

    erschreckenderweise sind es nicht nur die Organisations-Fundraiser, die kräftig kopieren. Auch bei Agenturen habe ich das erlebt – die kopieren dann halt gerne sich selber. Will sagen, man präsentiert mir ein Mailing, das bei einer anderen Organisation erfolgreich war und bietet mir dann an, genau dieses Mailing für meine Organisation zu machen. Andere Bilder, anderer Text und Logo, klar, aber ansonsten von der ganzen Machart und vom „Look and Feel“ identisch. Klar, jede Agentur hat einen gewissen Stil, aber das darf nicht dazu führen, mit einer handvoll Standard-Mailings von NGO zu NGO zu tingeln …

    Grüße, Matthias

    1. Hallo Matthias,
      Ja, solche Besuche kenne ich auch. Zitat:“Wir haben da ein neues Materialkonzept …“ Ne, Mailings von der Stange sind nicht so mein Ding.
      Schönes WE ,
      Kai

  3. Hallo Kai,
    klasse, dass du dieses Thema hier so klar ansprichst. Selber denken ist nämlich genau das Gegenteil von „mehr vom Gleichen“… Es ist zutiefst menschlich, immer erstmal nach dem zu suchen oder zu trachten, was schon bekannt ist und als erfolgreich gilt. Ob das mir andere vermitteln (best practice), oder ob man versucht – wenn vorhanden – aus dem eigenen Fundus zu schöpfen (mental wie materiell), ist dabei ganz gleich: Hauptsache – so überspitze ich jetzt ein wenig – es geht leicht und einfach, eben Schritt 1 bis 7 zum verbrieften Erfolg.
    Das Ausprobieren und Testen (sich fragend Herantasten), was denn bei der eigenen Organisation am besten gehen bzw. zur Organisation passen könnte, beinhaltet immer die Bereitschaft zu Risiko und „Scheitern“ und zur Emanzipation (den Motor dafür nennt man auch Resilienz). Eigene Erkenntnisse gewinnt man eben nur so (und als kleine Kinde haben wir gelernt zu laufen und perfekt Fahrrad zu fahren, in dem wir gestürzt oder gestolpert sind, vielleicht sogar uns die Knie aufgeschlagen haben)!
    Hier zwei meiner Lieblingszitate: Das Geheimnis des Erfolges kennen nur jene, die einmal Misserfolg gehabt haben. Antoine de Saint-Exupéry, frz. Schriftsteller, 1900 – 1944
    Und noch besser: Wenn Du immer wieder das tust, was Du immer schon getan hast, dann wirst Du immer wieder das bekommen, was Du immer schon bekommen hast. Wenn Du etwas anderes haben willst, musst Du etwas anderes tun! Und wenn das, was Du tust, Dich nicht weiterbringt, dann tu etwas völlig Anderes – statt mehr vom gleichen Falschen! Paul Watzlawick, Philosoph, 1921 – 2007
    Ich freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag! Grüße, Susanne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu.