Scheinriese Stiftung

Je niedriger die Sonne am Fundraiser-Horizont steht, desto länger der Schatten einer Stiftung.
Je niedriger die Sonne am Fundraiser-Horizont steht, desto länger der Schatten einer Stiftung.

Ich bin ein Freund von Stiftungen … wenn sie zum Fundraising-Mix einer Organisation passen. Zwei Stiftungen habe ich auch maßgeblich konzipiert und bei einer Geburtshilfe geleistet. Doch wie ich auch hier im Blog schon schrieb: Eine Stiftung zu gründen, weil es gerade in Mode scheint oder einem nichts besseres einfällt, halte ich für einen groben Fehler. Eine Stiftung muss immer zu den Fundraising-Zielen passen und zum Mix der Fundraising-Instrumente.

Wie komme ich darauf? Nun, vor einer Woche flatterte mir folgende Meldung in den elektronischen Postkasten:

Aichwald (epd). Die bauliche Zukunft ihrer mittelalterlichen Kirchen will die Evangelische Kirchengemeinde Aichwald (Kreis Esslingen) mit einer Stiftung absichern. Mit der „Vier-Kirchen-Stiftung, die am 14. November gegründet wird, sollen Finanzierungsquellen über die Kirchengemeinde hinaus erschlossen werden, (…) Die Kirchengemeinde Aichwald mit 3.500 Mitgliedern ist zuständig für denkmalgeschützte Kirchen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert (…).

Die Kirchengemeinde, (…) wolle keine der Kirchen aufgeben müssen, (…) Als Startkapital für die Stiftungsgründung hätten mehr als 70 Privatpersonen, Vereine, Firmen und die Kommune 114.000 Euro zusammengetragen. Pfarrer Jochen Keltsch nannte als nächste Baumaßnahmen an den Kirchen die Außenrenovierung der Schanbacher Kirche mit 260.000 Euro, einen neuen Motor für die Glocke in Aichelberg und Reparaturen an der Heizung in Krummhardt mit rund 30.000 Euro.

(Quelle: epd-Südwest/Kirchen/Baudenkmale/Finanzen/; 2555/07.11.2014; epd lbw mu- cr)

Wenn ich lese, dass zum Start „gerade mal“ 114.000 Euro zusammen kamen, aber alleine als aktuelle Baumaßnahmen 290.000 Euro anstehen, so erschließt sich mir die Strategie hinter der Stiftungsgründung nicht. Natürlich, so wird mir jetzt entgegnet werden, soll es ja nicht bei den 114.000 Euro bleiben, sondern es sollen Zustiftungen und Vermächtnisse folgen. Aber ist es realistisch, anzunehmen, dass dadurch ein Betrag von einer Million oder deutlich darüber zusammenkommen wird? Immerhin ist hier die Rede vom Bauunterhalt von vier (!) mittelalterlichen Kirchen. Beim aktuellen Zinsniveau, wo sogar schon Strafzinsen für Festgeldanlagen diskutiert werden, bringt Kapital nicht so viel ein.

Als Benchmark dazu die „Drei-Kirchen-Stiftung“ im nicht weit entfernten Kirchenbezirk Geislingen. Diese wurde 2006 mit 192.000 Euro errichtet und hat Ende 2012, also nach sechs Jahren Werbung, 307.000 Euro Kapital erreicht. Und eine tragende Säule ist die Stiftung noch lange nicht, wenn man die notwendigen laufenden Bausummen und die möglichen Zuschüsse aus der Stiftung im Rundbrief der Stiftung gegenüberstellt.

Wenn ich mir diese Projekte ansehe und gleichzeitig die demografische Situation der Kirchenmitgliedschaften vor Augen führe, so stellt sich mir doch die Frage, ob einzelne gezielte Fundraising-Maßnahmen für den Bauunterhalt der Kirchen nicht ertragbringender wären als die sehr geringen Zinserträge der Mini-Stiftungen. Und muss eine Kirchengemeinde wirklich alle Kirchen erhalten, nur damit „die Kirche im Dorf bleibt“? Zementiert eine Stiftung hier nicht Strukturen, Gebäudestrukturen, welche vielleicht in bereits 50 Jahren völlig überholt sind?

Diese Überlegungen sehe ich noch viel zu selten aufschimmern zwischen all den Jubelmeldungen über eine Stiftungserrichtung nach der anderen. De facto wird hier das Geld von Kirchenmitgliedern „begraben“. Wäre es für eine Kirchengemeinde nicht belebender, alle 2-4 Jahre einmal ordentlich die Fundraising-Karte zu ziehen und damit die den Bauunterhalt der Kirchen aktiv und lebendig in die Gemeinde zu bringen? Nun, vielleicht wurden diese Überlegungen ja getätigt … leider finde ich sie nirgends dokumentiert.

Fazit: Die Gründung einer Stiftung wird noch immer als Allheilmittel angesehen und gepriesen, wenn es um die nachhaltige Finanzierung gerade von Bauprojekten geht. In der Realität sind diese Stiftungen so ehrfuchtseinflößend wie der Scheinriese Herr Tur Tur  in Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Aus der Ferne wirkt der Stiftungsbegriff mächtig, finanziell potent und mit hohem Fundraising- und Wachstumspotential. Je mehr man sich diesen Stiftungen aber nähert, desto kleinerund wirkungsloser erscheinen sie, schrumpfen auf Normalmaß.

Kleiner Ausblick: Wäre eine Verzehrstiftung nicht eine zeitgemäßere und der Realität angepasstere Alternative? Mehr dazu in einem der nächsten Blog-Artikel.

Disclaimer: Als Fundraiser und Geschäftsführer einer diakonischen Stiftung in Stuttgart stehe ich natürlich in einem gewissen Wettbewerbsverhältnis zu den Stiftungsgründungen in der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Allerdings weiß ich dadurch auch um die Mühen, eine Stiftung groß werden zu lassen.

6 Gedanken zu „Scheinriese Stiftung“

  1. Dass eine Kirche im Dorf bleiben muss, ist in den Dörfern so unumstritten wie kaum etwas sonst. Was dazu führt, dass im Osten Deutschlands, wo sich in manchen Landstrichen eine Patronatskirche in Sichtweite der nächsten befindet und Gemeinden mit 40 Mitgliedern zwei baufällige Kirchen unterhalten, dieser Punkt überhaupt nicht umstritten ist. Im Gegenteil: da fassen alle mit an, bis hin zum früheren Parteisekretär. Gerade deshalb ist es ein großer Fehler, das Geld der Gemeinde in Stiftungen zu versenken, statt damit etwas zu bewegen, was zu weiteren Spenden unmittelbar motiviert. Die Gemeinden, von denen ich hier schreibe, kämen nicht entfernt auf diesen Gedanken – kann man wohl nur in Ecken denken, wo kirchlich noch ein relativer Wohlstand herrscht. Ich halte das für den völlig falschen Weg.

  2. Unserer Erfahrung nach sind die Stiftungsgründungen auch eine Folge der Verlustängste im Zusammenhang mit den weitreichenden Arrondierungs- und Gebàudebewertungsprozessen. Fundraisingstrategische Überlegungen spelen dabei eine eher nachgeordnete Rolle. Da geht es eher um das „Austricksen“ und Umgehen der befürchteten neuen Strukturen, mit der Phantasie, dann keinen Zugriff mehr auf die eigenen Pfründe zu haben. Diese Phänomene sind eher einer destruktiven Veränderungsdynamik geschuldet, als FR-Strategien. Obwohl natürlich die Ära der Matching Fund Aktionen zur Fórderung von Stiftungsgründungen in den vergangenen Jahren nicht ganz unschuldig an der Aufwertung der Stiftungen zum „Allheilmittel“ ist…

  3. Stiftungsgründungen werden zu selten im Rahmen eines ganzen Produktportfolio gesehen, weil dafür die entsprechende Sichtweise für das Fundraising fehlt. In sehr vielen Fällen wurde und wird das vom Bauchgefühl geleitet, eine Stiftung gilt als „edel“ im Vergleich zu einer „schnöden“ Spende, die gleich wieder verbraucht werden muss. In Fällen, wie Du sie beschreibst, Susanne, sind ja wenigstens noch strategische Überlegungen im Spiel. Auch Bonifizierungsaktionen führen natürlich zum Öffnen der einen oder anderen inoffiziellen Kasse, die es natürlich in Wirklichkeit gar nicht gibt. Deshalb will ich auch nicht unterstellen, dass solche Aktionen diesen strategischen Zweck mitverfolgen. Die Erfahrung mit der Stiftung, die ich vertrete, lehrt, dass es sinnvoll ist, sich zusammenzuschließen – zum Einen, weil es mit größerem Kapital auch vergleichsweise immer noch bessere Zinskonditionen gibt, zum Anderen, weil man mit den dann entstehenden Erträgen auch etwas bewegen kann. Leider verfolgen einige Landeskirchen (nicht alle) den gegensätzlichen Trend, ihre eigenen Stiftungen zu gründen und zu betreiben und das setzt sich mitunter fort bis auf die Ebene der einzelnen Gemeinde. Ein zweiter Aspekt ist, dass eine größere Stiftung besser in der Lage ist, sich auf veränderte Kapitalmärkte einzustellen und rechtzeitig auf vermehrte Spenden setzen kann. Wir machen das seit einigen Jahren und können unsere Fördertätigkeit die ganze Zeit über wenigstens im bestehenden Umfang halten, wobei der Spendenanteil ständig zunimmt. Dafür braucht man aber genügend Kapital, das man frühzeitig investieren kann; eine kleine Stiftung hat da keine Chance.

  4. Ich habe schon immer vor übereilten Stiftungsgründungen gewarnt. Ich selbst war Geschäftsführer der Deutschen Stiftung für Herzforschung, deren Kapital damals gering war, Vorsitzender der Deutschen CARE-Stiftung, die eigentlich keinen Sinn macht, da Katastrophenhilfe sofort benötigt wird; ich war Fundraiser der Umweltstiftung WWF Deutschland, bei der Erträge aus dem Stiftungskapital immer unbedeutend blieben. In meiner Heimatstadt habe ich vor der Gründung einer Bürgerstiftung gewarnt, wenn nicht gerade jemand mit 30 Millionen Euro auf einmal hereinschneien und eine Stiftungsgründung fordern sollte. Kapitalerträge aus mündelsicheren Anlagen sind kaum noch zu erzielen, und in der Vergangenheit sind in Deutschland Zehntausende auf ewig angelegte Stiftungen am Währungsverfall gestorben. Stiftungsgelder müssen heute spekulativ angelegt werden, um Erträge zu erzielen, und wohin das führen kann, sehen wir täglich. Es wäre an der Zeit, mal einen Report über verschwundene oder passive Stiftungen zu veröffentlichen.

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