Rezension: Wozu die Wirkung sozialer Arbeit messen?

Die altruistische Motivation zur Unterstützung in Not geratener Menschen hat scheinbar ausgedient. Sozialstaatliche Leistungen sollen einen gesellschaftlichen Mehrwert und finanzielle Überschüsse in der Zukunft generieren. Der Wirkungsnachweis sozialer Arbeit wird zur Bedingung für eine Finanzierung.

So vereinfacht könnte man die Debatte um das Thema „Wirkung in der sozialen Arbeit“ charakterisieren. Das Thema Wirkung ist nach Jahrzehnten des Fachdiskurses nun in der öffentlichen Debatte um NGOs und Stiftungen angekommen: sei es nun in Form der 2015 im „Kursbuch Wirkung“ von der Bertelsmann-Ausgründung PHINEO veröffentlichten Wirkungstreppe (Output/Outcome/Impact) oder dem SROI (Social Return on Investment) als Versuch, die Wirkung sozialer Arbeit zu messen.

Nun, Wirkungsmessung ist keine besonders neue Erfindung, das zeigen Monika Burmester und Norbert Wohlfahrt im bewusst kontrovers angelegten und auf 63 Seiten komprimierten Taschenbuch „Wozu die Wirkung sozialer Arbeit messen?“ auf. Neu ist aber die Investoren-Denke, welche sich im Fahrtwind der neoliberalen Entwicklung ausbreitet.

Lässt sich der simple Output einer Maßnahme (Aktivitäten finden statt, Zielgruppen werden erreicht, …) noch trivial messen, so wird es beim Outcome (Zielgruppe ändert ihr Verhalten, die Lebenslage verändert sich) oder gar dem Impact (veränderte Gesellschaft) schon extrem schwer bis unmöglich, Ursache und Wirkung in einen Zusammenhang stellen zu können. Sozialwissenschaftliche Forschung versucht ja seit Jahrzehnten mit ausgefeilten statistischen Modellen, Ursache-Wirkungs-Ketten darstellen zu können, Korrelation und Kausalität auseinander zu halten.

Wirkungsmessung, das zeigen die Autor*innen, ist nicht so trivial, vor allem dann, wenn Wirkung verglichen werden soll. Wie sieht es aus, wenn die Wirkung wesentlich davon abhängt, ob die Zielgruppe bereit ist mitzuarbeiten? Wie sieht es in Feldern aus, wo soziale Arbeit in sanktionsbewehrten Zwangskontexten (Schule, Psychiatrie, Suchthilfe, Bewährungshilfe, Arbeitshilfe etc.) stattfindet? Wie machen sich Konjunktur, soziales Umfeld etc. bemerkbar? Randomisierte Kontrollstudien sind bei gesellschaftlichen Prozessen praktisch nicht möglich. Wenn untersucht wird, werden alle Unwägbarkeiten ausgeschlossen. Ja, die Gesellschaft ist kein überschaubares soziales Labor.

Soziale Unternehmen haben den Anspruch, dass ihre Arbeit Wirkung zeigt. Das ist der (intrinsische) Motor auch der Beschäftigten. Doch aus welchem Grund forciert die Seite der Geldgeber (öffentliche Hand, Stiftungen) diese Debatte? Kommuniziert wird, dass die begrenzt zur Verfügung stehenden Mittel bestmöglich eingesetzt werden. Praktisch wird damit aber auch – siehe Arbeitsmarkt – der günstigste Anbieter sozialer Dienstleistung gesucht.

Letztendlich, so stellen die Autor*innen fest, muss der Diskurs um soziale Wirkungsmessung sozialpolitisch geführt werden. Ursachen und Verlaufsformen sozialer Ausgrenzungen und Ungleichheit gehören in den Fokus. Die Ideologie hinter der Wirkungsdebatte gehört beleuchtet. Und klar ist: „Evaluation (dient) zuallererst der Legitimation, nicht aber der Begründung einer (Regel-)Finanzierung.“

63 Seiten, gut zu lesen, pointiert verfasst und mit schönem Literaturverzeichnis – 6,50 Euro, die auch für Fundraiser*innen gut investiert sind, welche im Kontakt mit Geldgeber*innen auf dem Feld des Wirkungsdiskurses sattelfest diskutieren möchten.

Burmester, Monika/Wohlfahrt, Norbert: Wozu die Wirkung sozialer Arbeit messen? Eine Spurensicherung; Bd. 18 Soziale Arbeit kontrovers; Lambertus Verlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V.; Berlin; ISBN 978-3-7841-3077-4.

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