Rezension: Fundraising zwischen Ökonomisierung und Mitmenschlichkeit

Masterarbeiten geht ja selten der Ruf voraus, wirklich Neues zu beschreiben. Und so war ich etwas skeptisch, als ich die Abschlussarbeit von Stefanie Hirschfeld im Rahmen des Masterstudiums „Mehrdimensionale Organisationsberatung“ in die Hände bekam.

Die Arbeit im überschaubaren Umfang von 120 Seiten beginnt mit einer fundierten Einführung in die Welt des Fundraisings, der konzeptionellen Grundlagen, der Professionalisierung, der Positionierung und der Ethik.

Im ersten Fazit kommt sie zur Erkenntnis, dass sich sowohl Fachzeitschriften als auch weite Teile der Fachliteratur primär mit der Perfektionierung einzelner Fundraising-Instrumente befassen und dass kritische oder belastende Themen kaum zur Sprache kommen, wenngleich diese dauerhaft präsent im Alltag von Fundraiser*innen sind. Fokus der Arbeit ist daher die spezifische emotionale, soziale und organisationale Herausforderung an die Berufsgruppe der Fundraiser*innen. Hierzu führte Stefanie Hirschfeld fünf ausführliche Einzelinterviews mit langjährig erfahrenden Fundraiser*innen aus unterschiedlichen Hilfsfelder des sozialen und kulturellen Sektors.

Ihre Interviews und die Aufbereitung der Gespräche waren nachvollziehbar theoriegeleitet. Als Hilfsmittel diente ihr eine von ihr entworfene Strukturlandschaft rund um die im Fundraising tätigen Menschen.

Die Interviews werden in anonymisierter Form wiedergegeben, da die Fundraising-Szene doch recht überschaubar ist und die Äußerungen teilweise sehr deutlich und auch kritisch sind.

Als Ergebnis zeigt Stefanie Hirschfeld auf, in welch vielfältiger Konfliktlandschaft sich Fundraising bewegt, ein Spannungsfeld kakofoner Anforderungen. Es wird auch deutlich, welche Definitionsmacht in der öffentlichen Wahrnehmung einer Organisation Fundraiser*innen haben, welche weder Auftrag noch Position in der Hierarchie entsprechen. Die ausführliche Liste von relevanten Widersprüchen, welche in der Untersuchung deutlich wurden und in der Systemlandschaft Fundraising zugrunde liegen, lesen sich wie ein Skript von Fundraiser*innen-Coachinggesprächen.

Hirschfeld führt die Ergebnisse in eine Trialektik des Fundraisings über, welche optisch darstellt, wo sich Widersprüche zu angrenzenden Dimensionen ergeben. Trialektik in den Dimensionen

  • Zivilgesellschaft, Soziale Gerechtigkeit, Gesetze, Regeln
  • Ökonomie, Geschäft, Leistung, Gewinnorientiertheit
  • Emotion, Befürfnis, Ideologie, Werte

Wichtige Ergebnisse sind für mich:

  • Fundraiser*innen sind zahlreichen Spannungsfeldern und Herausforderungen in ihrem Tätigkeitsfeld ausgesetzt. Dieses in sozialer und organisationaler Ebene als auch im Persönlichen.
  • Fundraiser*innen befinden sich an einer zentralen Schnittstelle vielfältiger Anforderungen interner und externer Anspruchsgruppen. Eine wichtige Aufgabe ist, diese auszuhalten, auszubalancieren und zu vermitteln.
  • Organisationale Defizite bei der Implementierung von Fundraising müssen mithilfe persönlicher Fähigkeiten und informeller Kommunikation kompensiert werden.
  • Viele Konflikte in der Organisation, welche sich rund um die Implementierung von Fundraising ergeben, sind unausweichlich, da sie bereits im Medium Geld originär angelegt sind.
  • Einseitige Schuldzuschreibungen oder fehlende Institutional Readiness der Organisation greifen meist zu kurz. Die Vielzahl von Widersprüchen sind im System angelegt und Fundraiser*innen kommt eine aktiv gestaltende Rolle zu.
  • Ziel muss eine Synthese sein, nach welcher die Widersprüche der Trialektik des Fundraisings nicht eliminiert, sonder in einer Synthese gleichberechtigt existieren können.
  • Schematisches Vorgehen, beispielsweise durch den Einkauf von Fundraising-Kompetenz einer Agentur, ist für nachhaltiges Fundraising nicht alleine zielführend. Notwendig ist ein Lernprozess aller Beteiligten.
  • Konflikthafte Situationen bei der Implementierung von Fundraising lassen sich nicht logisch lösen, sondern erfordern eine Erweiterung der Perspektive auf ein ganzes Panoptikum von Widersprüchen.

Ja, ich hatte im zweiten Teil dieser Masterarbeit so manches Déjà-vu aus Coaching-Gesprächen. Wie viele Fundraiser*innen scheiterten schon an ihrer Organisation, weil die Phalanx wechselseitiger Schuldzuweisungen (Institutional Readiness vs. zu geringe Ergebnisse, etc.) übermächtig und die Einsicht in die Ursachen der Konflikte zu gering waren.

Ja, wir Fundraiser*innen werden mit viel praktischem Wissen aus den Seminaren und Lehrgängen entlassen. Aber das große Feld des systemischen Denkens bleibt bisher völlig außen vor. Die Flut von Hinweisen auf die sozialen Kompetenzen von Fundraiser*innen richten sich in der Literatur samt und sonders auf die Beziehung zu den Spender*innen. Doch das ist zu kurz gedacht, nur eine Seite des Anspruchsspektrums.

Fundraiser*innen lernen in ihren Ausbildungen eine Anspruchshaltung an Organisationen. Aber die Lösungsansätze, wie Fundraising jenseits der Techniken implementiert werden kann, vermittelt keine mir bekannte Ausbildung. Gerade Solo-Fundraiser*innen brauchen solide systemische Fähigkeiten, wenn sie nicht im Dickicht widersprechender Anforderungen untergehen wollen. Der Rückzug auf die Opferrolle des unverstandenen Fundraisers oder der unreifen Organisation ist zu einfach.

Von daher wünsche in dem Buch von Stefanie Hirschfeld eine fachlich interessierte Leserschaft, welche sich auch von dem völlig überzogenen Preis von 49,99 Euro nicht abschrecken lässt. Das Buch zeigt, wo die Ausbildung im Fundraising in Deutschland krankt. Wir müssen wegkommen von der Denke, dass „Institutional Readiness“ nach Schema F die Lösung ist und wir Fundraiser*innen hilflose Wesen im Organisationsdickicht.

Hirschfeld, Stefanie: Fundraising zwischen Ökonomisierung und Mitmenschlichkeit. Emotionale, soziale, organisationale Herausforderungen und Chancen. Springer Gabler. Wiesbaden. 2018

Das Buch wurde mir auf meine Anfrage hin vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

2 Gedanken zu „Rezension: Fundraising zwischen Ökonomisierung und Mitmenschlichkeit“

  1. Lieber Kai, es ist gut, dass hier geforscht wird und die Theorie der inzwischen durchaus gelebten Praxis endlich folgt. Wir arbeiten nun seit über 10 Jahren im Sinne deiner Konklusion. Für mich bleibt die Frage offen, weshalb Frau Hirschfeld augenscheinlich diese Dimension nicht berücksichtigt hat.

  2. Nachtrag: Habe das Buch gestern gelesen und finde nach wie vor richtig, dass diese Aspekte der Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen in den Fokus gerückt werden, was unseren nun langjährigen Ruf nach Perspektivenerweiterung verstärkt. Allerdings zeigt Frau Hirschfelds Zugang zu und Blick auf das Fundraising in meinen (systemischen) Augen, wie verhältnismäßig eindimensional sie ihren Kontext um die Studie und den Untersuchungsgegenstand konstruiert hat. Das erkennt man u. a. an der starken Fokussierung auf das Thema Geld (um das Modell der Trialektik anwenden zu können) oder ihr eigenes Bild von FundraiserInnen, das sie hauptsächlich aus nur 5 Interviews ableitet. In meinen Augen fehlt die Ergänzung des Kontextes um den Aspekt der Kommunikation, die nicht nur im kirchlichen Fundraising einen ganz wesentlichen, mindestens gleichgestellten Kern des Fundfaisings ausmacht. Und zweitens fehlt in meinen Augen die Ergänzung des Kontextes durch Interviews mit Stakeholdern der weiteren Systemumwelten, nämlich der SpenderInnen, der Begünstigten von Projekten, also von denen, die mit der inhaltlichen Arbeit erreicht werden sollen und der Zivilgesellschaft etc. Vor diesem Hintergrund empfinde ich manche ihrer Deutungen und Interpretationen, die sie aus der Asuwertung der Interviews ableitet, recht steil oder zum Teil weit hergeholt, jedenfalls wären sie unbedingt stärker zu belegen, um den tatsächlichen Nutzen der Übertragung auf das Modell der Trialektik zu verifizieren.
    Insofern ist mein Fazit nach der Lektüre, dass der Preis für das schmale Buch außerordentlich überhöht ist, auch weil ihre Conclusio am Ende ein Desiderat beschreibt, was ihrer Einschätzung als Organisationsberaterin nun praktisch aus den von ihr erhobenen Erkenntnissen folgen müsste, ohne aufzuzeigen, was an dieser Stelle schon seit vielen Jahren im Fundraising praktiziert wird. Ich denke, dass sie hier – sicher unbewußt – einen blinden Fleck markiert, den es unseres Erachtens schon länger in der Fundraisingszene gibt: das Ausblenden von Vorgehensweisen, die verhältnismäßig vollständig am Mainstream vorbeigehen, wie zum Beispiel das Systemische Fundraising.

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