Bittbriefe oder Bettelbriefe?

Mit manchen Sachen kann man mich ja ärgern. Eine solche Sache ist ein Wort. Ein ganz bestimmtes Wort. Es vergeht kein Einführungsseminar im Fundraising, in welchem es nicht mindestens einmal fallen würde. Und sogar von Fundraiser*innen habe ich dieses Wort bereits gehört:

Bettelbrief.

Bettelbrief ist ein Wort, welches ich überhaupt nicht mag. Es ist ein Wort, bei welchem sich mir die Nackenhaare aufstellen und ich in Abwehrhaltung gehe. Bettelbrief, das klingt so fürchterlich abwertend gegenüber den eigenen und fremden Spenden-Mailings. Und dann bedeutet Bettelbrief ja auch, dass wir als Fundraiser*innen betteln würden. Das gefällt meinem Selbstbild überhaupt nicht.
Doch warum sitzt dieser Begriff so in den Köpfen und was wären denn die Alternativen?

Spendenwerbung / Fundraising hat das Ziel, benötigte Mittel (meist Geld, oft auch Mitarbeit, Sachleistungen, Unterstützung) für einen guten, gemeinnützigen Zweck zu erhalten. Dazu müssen wir uns mit anderen Menschen verständigen. Vier grundlegende Ansätze fallen mir dazu ein.

1. Beten / Hoffen

Der religiöse Ansatz etwas zu erbitten ist das Gebet. Er stammt aus der Zeit, in der die Menschen faktisch rechtlos, arm und von der Willkür der Herrschenden abhängig waren. Andere hoffen auf Fürsprache durch das Universum und richten ihren Wunsch dorthin. Vor rund 20 Jahren gab es sogar das eine oder andere Buch mit Hilfestellung zu diesem Universums-Ansatz, eine Lösung für sein Problem zu finden.
Zentrales Merkmal von Beten und Hoffen ist, dass mein Gegenüber sehr, sehr groß und mächtig ist.

Vorteile des Betens und Hoffens:
– Man muss sich nicht mit anderen Menschen auseinandersetzen.
– Es besteht keine Gefahr, sich eine Absage zu holen.
– Beten geht nonverbal.
– Gebete sind beliebig wiederholbar.
– Wenn es klappt, ist es fein. Wenn nicht, hat Gott oder das Universum andere Prioritäten.
– Man muss nicht über Geld sprechen oder gar konkret benenne was man möchte. Gott / das Universum wissen schon Bescheid.
– Ich kann Großes und Größtes er-beten, Gott und das Universum kennen keine Grenzen. Um Realisierung oder konkrete Wunschgestaltung muss ich mit keine Gedanken machen

Nachteile von Beten und Hoffen:
– Je konkreter der Wunsch, desto unwahrscheinlicher ist nach aller Erfahrung die Erfüllung. Gebete um Geld oder Flehen um den Gewinn der Fußballmeisterschaft durch die eigene Mannschaft sind (außer man ist Bayern-Fan) zum Scheitern verurteilt.
– Wenn doch ein Gebet erfüllt wird, bleibt es praktisch immer beim einmaligen Erfolg, das Vorgehen ist nicht reproduzierbar.

2. Betteln

Betteln kommt recht schnell nach dem Beten. Beim Betteln haben wir ein Gegenüber. Betteln heißt aber auch, dass ich keinen Anspruch auf das Erbettelte habe. Ich unterliege ganz der Willkür des Gebenden. Demutshaltung, Anspruchslosigkeit, Würdelosigkeit sind Merkmale des Bettelns. Die Willkür von Geben und Empfangen beim Betteln führt zu einem aufdringlichen Verhalten, um irgendwie ans Ziel zu kommen.

Vorteil des Bettelns:
– Ich bekomme etwas, wenn ich nachdrücklich genug bettel. Das ist mehr als beim Gebet.
– Betteln ist eine bewährte und von Kinheit an gelernte Strategie, um etwas von (allmächtigen) Erwachsenen zu erhalten. Ich muss nur lange genug nerven.
– Für Gebende sind Bettler andererseits auch praktisch: So günstig bekommt man selten ein gutes Gewissen.

Nachteil des Bettelns:
– Betteln funktioniert am besten durch Mitleid und Penetranz / moralischem Druck. Das liegt nicht jedem und passt nicht zu jedem Zweck.
– Beim Betteln erhält der/die Bettelnde nur ein Almosen. Das sind meist die kleinen und kleinsten Münzen. Oder beim brieflichen Betteln ist es gerade soviel, dass der/die Gebende seine Ruhe bekommt.
– Betteln fehlt der Aspekt der Nachhaltigkeit. Ich muss immer wieder von vorne anfangen. Stabile Bettler-Geber-Beziehungen sind eher die Ausnahme.
– Betteln funktioniert am besten für die eigene Person, für gemeinnützige Zwecke hat es sich nicht bewährt.
– Betteln hinterlässt oft ein Gefühl, ausgenutzt geworden zu sein.

3. Fordern

Fordern (oder im gewerblichen Bereich das Inkasso) setzt voraus, dass es eine Grundlage gibt, welche mich zu einer Forderung berechtigt. Das impliziert ein gewisses Machtgefälle. Diese Grundlage kann rechtlicher oder moralischer Natur sein. Biblisch kennen wir die Forderung nach dem Zehnten oder die religiöse Verpflichtung, zu bestimmten Festen Spenden zu geben oder Opfer darzubieten. Bei einer überschaubaren kirchlichen Gemeinschaft ist das eine ziemlich klare Angelegenheit und lässt dem Geber faktisch keine Wahl.
Sozialer Druck oder „Ablass“ sind auch Ausprägungen einer Forder-Kultur und lassen das Element der Freiwilligkeit vermissen. Der Klingelbeutel im Gottesdienst, die öffentliche Sammlung, etc. sind Beispiele. Auch der Einzug eines Mitgliedsbeitrages oder einer regelmäßigen Patenschaft hat den Charakter einer Forderung, auch wenn beides jederzeit gekündigt werden kann.

Vorteile des Fordern:
– Planbare Einnahmen beim Forderer.
– Kein Rechtfertigungsdruck, keine Erklärungen, keine Unterwürfigkeit ist notwendig.

Nachteile des Forderns:
– Ich erhalte nur das Geforderte, auf welches ich einen Anspruch habe. Wenn ich einmal mehr haben möchte, muss ich in zähe Verhandlungen eintreten (oder moralische oder physische Gewalt ausüben).
– Als Gebender habe ich nach der Übergabe des Geforderten kein besonders gutes Gefühl, bin froh, bis zum nächsten Mal meine Ruhe zu haben.

4. Bitten

Bitten bedeutet, dass ich eine Bitte formulieren muss und diese einem Gegenüber zu äußern habe. Gezieltes Bitten trifft auf Wünsche und tiefliegende Bedürfnisse des gegenübers. Beim Bitten agieren zwei Menschen im Idealfall auf Augenhöhe. Zentrales Merkmal ist die Freiwilligkeit, dass der Bitte auch nicht entsprochen werden kann, ohne dass dadurch das Verhältnis zum Bittenden auf Dauer beschädigt wäre.

Vorteile des Bittens:
– Bitten setzt eine gewisse Augenhöhe voraus. Damit bleibt die Würde aller Beteiligter gewahrt.
– Bei einer Bitte habe ich die Chance, weit mehr zu erhalten, als dies beim Betteln oder Fordern der Fall wäre. Bitten kann die Türen der Gabe sperrangelweit öffnen, es erreicht das Herz.

Nachteile des Bittens:
– Der / die Gebetene hat die Freiheit, meine Bitte ganz oder teilweise auszuschlagen oder verzögert darauf zu reagieren.
– Bitten ist anstrengend, denn ich muss mir Gedanken über meinen Wunsch und über mein Gegenüber machen, damit es passt.

Fazit

Das Wort „Bettelbrief“ mag ich, wenn ich meine obigen Überlegungen ansehe, zu Recht nicht. Fundraising ist eine Profession, welche das Ziel hat, mit Menschen ernsthaft über eine Förderung des Gemeinwohls zu sprechen. Wir treiben kein Geld für den Bau von Kathedralen ein, wir wecken den Wunsch nach der Kathedrale. Wir respektieren die Freiheit der Gebenden und sind uns bewusst, dass es sehr viele Zwecke gibt, für welche Unterstützung notwendig ist. Bitten heißt, wir befinden uns im Wettbewerb mit anderen Zwecken und respektieren diesen.
Unsere Briefe sind Bitt-Briefe, keine Bettelbriefe.

Aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass die Wahrnehmung von Hoffen, Betteln, Fordern und Bitten sehr unterschiedlich sein kann. Wenn beispielsweise die Kirchengemeinde im Gemeindebrief die Renovierung des Kirchturms thematisiert, kann die abgesendete und die ankommende Botschaft sehr unterschiedlich sein:
– „Wenn wir über die Renovierung schreiben, werden die Leute schon wissen, dass wir ihre Spende brauchen. Gerade der Unternehmer XY wird hoffentlich reichlich geben.“ (Hoffnung des Kirchenvorstandes)
– „Diese ständige Bettelei der Kirche. Warum zahle ich eigentlich Kirchensteuer? Die sollen einfach mal Rücklagen bilden wie ich auch.“ (entferntes Gemeindemitglied)
– „Wenn der Pfarrer mich bittet, muss ich auch geben. Denn Not sehen und nicht handeln ist eine Sünde. Hier meine 50 Euro, die ich immer gebe.“ (sehr kirchennahe Person)
– „Mal fragen, was die eigentlich brauchen. Ich könnte eigentlich die Turmspitze finanzieren, die sehe ich immer vom Schlafzimmerfenster beim Einschlafen so schön erleuchtet.“ (Kirchenmitglied, bei welchem ein Wunsch geweckt wurde.

  • Als Fundraiserin und Fundraiser bitten wir. Bitten lässt uns und den Gebenden ihre Würde. Wir bitten nicht für uns, wir bitten für einen gemeinnützigen Zweck. Bitten weckt Visionen. Die Erfüllung der Bitte dient damit allen Beteiligten.
  • Lasst uns unsere Briefe, Flyer und Webseiten daraufhin ansehen, ob wir dort eher bitten oder betteln. Lasst uns im Gespräch mit potentiell Gebenden selbstbewusst bittend für unseren guten Zweck auftreten.
  • Auch gegenüber vermeintlich Höherstehenden treten wir bittend und nicht bettelnd auf. Es gibt keinen Grund, unsere Sache und uns als Person klein zu machen!

Ein Gedanke zu „Bittbriefe oder Bettelbriefe?“

  1. Der Begriff „Bettelbrief“ wird sowohl von Empfängern von Spendenbitten als auch von Mitgliedern von Organisationen, die Mailings versenden, benutzt. In beiden Fällen ist er Ausdruck eines Widerstands, wobei es verschiedene Dinge sind, gegen die sich dieser Widerstand richtet.

    Bei Empfängern von Spendenbriefen kann es da viele Gründe geben. Da gehören das aggressive Betteln oder auch moralische Forderungen durch die Absender dazu. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, dass die einzelnen Empfänger jeden Brief mit ihrem persönlichem Vorverständnis und in ihrem Kontext wahrnehmen, welche sich dem Einfluss der Absender vollkommen entziehen. Bei entsprechender persönlicher Disposition wird auch der defensivste Spendenbittbrief zum Bettelbrief, allein die Textsorte oder der Überweisungsträger können entsprechende Reaktionen triggern. Das könnte z.B. bei Menschen der Fall sein, die das Gefühl haben, selbst zu kurz zu kommen und dass andere ihnen etwas schuldig sind.

    Bei Mitgliedern von Gemeinden und Organisationen, die abwertend von „Bettelbriefen“ sprechen, beobachte ich oft Scham. Es ist ihnen unangenehm, finanziell von Zuwendungen anderer Menschen abhängig zu sein. Das wird in der Tat als würdelos empfunden, weil man zudem meint, selbst nichts zurückgeben zu können. Und hier liegt m.E. ein gedanklicher Mangel vor. Wenn man sich als Gemeinde oder Organisation für eine Gemeinschaft oder das Gemeinwesen engagiert, dann ist jeder Spendenbittbrief ein Angebot an die Adressaten, sich z.B. in Form einer Spende zusammen mit dem Absender dafür einzusetzen. Es geht also um die Haltung und Absicht, mit der man als Organisation Menschen anspricht. Suche ich Almosengeber oder Unterstützer für ein gemeinsames Vorhaben?

    Manchmal sind sich Mitglieder von Gemeinden und Organisationen selbst gar nicht im Klaren darüber, welchen Wert ihr Engagement für andere hat oder sind vielleicht auch in irgendeiner Form ambivalent, dann fällt jedes Bitten oder Anbieten natürlich schwer. Manchmal können Menschen auch nicht zwischen sich und der Organisation in der sie tätig sind, unterscheiden (weil sie so hochidentifiziert sind). Dann übertragen sie ihre persönliche Scham und Vorbehalte gegenüber Mailings auf die Organisation.

    Ich denke, es lohnt sich, mit Adressaten und Absendern, die von „Bettelbriefen“ sprechen, sich darüber zu unterhalten, weshalb sie dieses Wort verwenden. Das können durchaus klärende und lösende Gespräche sein.

    Auch der Begriff des „Bittbriefs“ ist m.E. nur wenig tauglich. Allerdings ermangelt es einer griffigen Alternative. „Engagementangebot“ oder Engagementeinladung“ hören sich doch ziemlich gedrechselt an, auch wenn es m.E. am Besten beschreibt, worum es in einem Mailing geht.

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