Zuhören ist nicht Zustimmen

Schlüsselqualifikation: Zuhören vom Zustimmen trennen.

Kennen Sie’s? Man sitzt am Telefon und es fällt einem unendlich schwer, konzentriert zuzuhören und ist froh, endlich den Moment für einen Abschlußsatz zu finden und das Gespräch beenden zu können. Der Spender am Telefon erklärte Ihnen nämlich sehr ausführlich, warum das letzte Mailing überhaupt nichts war.

Im Spendergespräch erzählt Ihnen die testamentsinteressierte Dame von ihren Erlebnissen in der Nachkriegszeit und wie schlimm alles für die Vertriebenen war. Sie rücken auf dem Stuhl hin und her und es drängt Sie, das geschichtliche Weltbild “zurecht zu rücken”.

Im Gespräch mit einem älteren Ehepaar geht der Mann aus Ihrer Sicht recht herablassend mit seiner Frau um. Diese scheint es nicht zu stören, Sie umso mehr. Sie überleben, zugunsten der Frau zu intervenieren.

Oder im privaten Kontext: Ihre Mutter ruft an und erzählt, welche neuen Krankheiten im Fernsehen entdeckt wurden und dass Sie unbedingt mal zum Arzt gehen sollten.

Warum fallen uns diese Situationen und Gespräche so schwer?

Warum versuchen wir Gespräche mit manchen Personen zu vermeiden?

Wir suchen Gleichgesinnte

Ich glaube, ein wichtiger Grund liegt darin, dass wir verlernt haben (oder es nie gelernt haben), einfach nur so zuzuhören. Unser Kopf versucht immer gleich, das Gehörte

  • zu bewerten,
  • einzuordnen,
  • mit der eigenen Meinung abzugleichen.

Und wir neigen dazu, Gespräche mit Menschen, welche die identische Meinung wie wir vertreten, viel angenehmer zu empfinden als Gespräche mit Andersdenkenden.

  • Wir gehen in politisches Kabarett – aber nur, wenn es unsere Haltung bestärkt.
  • Abonniert wird nur diejenige Tageszeitung, welche die gleiche politische Couleur hat, wie wir.
  • Anrufe der besten Freundin sind meist angenehmer, als die der Mutter, da wir auf der gleichen Wellenlänge schwimmen.

Wir sind permanent damit beschäftigt, unser Weltbild zu bestätigen, unserem Leben Sicherheit zu verschaffen.

Spenderinnen und Spender stammen häufig aus einer anderen Generation als wir. Ihre Lebenswirklichkeit ist eine andere als die unsrige. Ihre Erfahrungen, Denkmuster und Werte unterscheiden sich von unseren. Aus diesem Grund fällt uns das Zuhören oft schwer. Doch nicht nur die unterschiedliche Lebenswelt ist Ursache für das häufige Unbehagen in solchen Gesprächen. Das Unbehagen stammt aus einem fundamentalen Denkfehler, dem Menschen häufig zuneigen: Zuhören ist gleich Zustimmen.

Zuhören ist nicht gleich Zustimmen

Lassen Sie sich diesen Satz einmal in Ruhe durch den Kopf gehen: Einem Menschen zuzuhören, heißt nicht, ihm zuzustimmen.

Mit dieser Denkhaltung können Sie viel entspannte und spielerischer in Gespräche gehen.

  • Sie müssen nicht permanent überlegen, wann und wie Sie thematisch intervenieren müssen.
  • Das Gefühl, vom Thema genervt zu sein, kommt überhaupt nicht auf. Denn Sie müssen das Thema nicht auf sich oder Ihr Verhalten beziehen.
  • Sie können der Meinung Andersdenkender einfach mal zuhören – vielleicht sogar mit Gewinn?
  • Es eröffnet sich die Chance, nicht nur auf den Inhalt des Gesprächs zu achten, sondern auf die dahinterliegenden Bedürfnisse und Botschaften.
  • Ihre Qualität als Zuhörer und damit als angenehmer Gesprächspartner (und Fundraiser) steigt. Denn wir lieben die Menschen, welche uns zuhören!
  • Auch in Partnerschaften und im Umgang mit Kindern ist dies eine wichtige Fähigkeit. Wir müssen das Gesagte nicht sofort bewerten, annehmen, kritisieren. Wir dürfen auch einmal nur zuhören – und uns vielleicht mit gebührendem Abstand eine Meinung bilden.
  • Ihre Gespräche verlaufen entspannter. Sie sehen keine Notwendigkeit mehr, ad hoc reagieren, rechtfertigen, verteidigen, widersprechen zu müssen.
  • Die Versuchung, Ratsch und Tratsch aufzugreifen und weiterzutragen sinkt dramatisch.

Zuhören vom Zustimmen trennen ist eine Schlüsselqualifikation

Die Fähigkeit, das Zuhören vom Zustimmen trennen zu können, bedeutet nicht, dass Sie nun als völlig beliebiger Mensch durchs Leben gehen müssen, ohne eigene Meinung, Haltung und Weltbild. Nein, Ihre Werte sind und bleiben wichtig. Aber Sie lernen dadurch, Ihre Auffassungen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, anstatt sie blind zu verteidigen. Und Sie lernen, dass Ihr Weltbild nur eines von rund 7 Milliarden auf dieser Erde ist und es ziemlich müßig ist, es gegen den Rest der Welt verteidigen zu wollen.

Die Fähigkeit, das Zuhören vom Zustimmen zu trennen, ist eine Schlüsselqualifikation, welche Sie nicht nur als Fundraiser/in weiterbringen wird.