Zahlenspiele

Es wird viel gerechnet, um Spender zu überzeugen.

Es wird viel gerechnet, um Spender zu überzeugen.

Was kostet’s? Die Frage, um die sich so vieles dreht.

Was bei einem Paar Schuhe noch sehr einfach zu beantworten ist – siehe Preisschild -, wird beim Handy schon schwieriger. Anschaffungs- und Folgekosten, 12 oder 24 Monate strapazieren unser Rechenvermögen.

Aber das ist ja noch gar nichts gegen die Rechenkünste, welche wir Vertreter von gemeinnützigen Organisationen unseren Förderern auf den Weg geben. Diese Tage stieß ich auf zwei Rechnung(en). Dabei gibt es eine Organisation A, welche Bildung für Entwicklungshilfearbeit betreibt und als Hauptzweck Spenden für die entsprechende Arbeit von Organisation B einwirbt.

Die Rechnungen von Organisation A und Organisation B

Organisation A schreibt:

Wie viel Euro kommen von einem Euro im Projekt an?

Das können wir ganz transparent beantworten.
Hier der Weg des Geldes bei xxxxxxxxxx:

1,00 Euro Spende
– 0,06 Euro unterstützt unsere Verwaltung
– 0,15 Euro unterstützt unsere Vereinsarbeit (Ihr erinnert euch? Aktionen, Bildung und Netzwerk!)
– 0,79 Euro leiten wir an unseren Projekt-Partner [Organisation B] weiter
– 0,12 Euro nutzt [Organisation B] für ihre Arbeit (PR, Politische Arbeit, Verwaltung und Qualitätssicherung)

Und jetzt der Hammer:
Die verbleibenden 0,67 Cent vermehren sich aufgrund der guten Arbeit von [A] und [B]! Denn durch die Tatsache, dass hier zwei gemeinnützige Organisationen an der Finanzierung von Wasserprojekten beteiligt sind und Hand in Hand arbeiten, kann man erhebliche Mittel bei öffentlichen und nicht-öffentlichen Töpfen anzapfen: Die sogenannte Ko-Finanzierung oder auch Hebelwirkung!

Die Töpfe liegen z.B. bei der EU, beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit oder beim Auswärtigen Amt, bei großen internationalen Stiftungen und manchmal geben auch die Regierungen in den Projektländern noch etwas im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu.

Die durchschnittliche Hebelwirkung bei den von [Organisation A] finanzierten Projekten beträgt seit 2010 x 3,5

Im Klartext: Aus 0,67 Euro werden durch die Mittel aus Ko-Finanzierungstöpfen 2,35 Euro für das Wasserprojekt!!!
Nochmal genau nachgerechnet: 0,67 Euro mal 3,5 = 2,35 Euro

Und deshalb zurück zur Ursprungsfrage: Wie viel Euro kommen von einem Euro im Projekt an?
Satte 2,35 Euro! Dank der Arbeit von Organisation A und Organisation B.

Ihr seht: Wir vermehren die Kohle erfolgreicher als jede Bank und helfen damit Menschen weltweit.
Deshalb könnt ihr uns beruhigt euer Geld anvertrauen: Wir gehen damit mehr als gut um!

 Organisation B schreibt nun auf ihrer Website:

Ihre Spende wirkt! Aus 100 Euro werden 300 Euro. Ein Videoclip erklärt, wie.

100-zu-300

Der Videoclip erklärt dann, ähnlich dem obigen Text von Organisation A, dass aus 100 Euro 255 Euro werden. Spannend, dass noch nicht einmal das Versprechen der Überschrift eingehalten wird:

100-zu-255-ausführlich

Zahlenspiele – Verwirrspiel für (oder gegen?) Spender

Rechnung 1 – Was kommt prozentual an

Also mal kurz nachgerechnet:

  • Organisation A hat einen Anteil von 21% an Kosten für Fundraising, Verwaltung und Bildungsarbeit. 79% fließen weiter an Organisation B.
  • Organisation B hat auch Kosten für Verwaltung, Fundraising, Bildungsarbeit und Projektkontrolle 45 Euro je 300 Euro, also 15%. 85% verbleiben im Projekt.

Damit kommen also von den bei Organisation A gegebenen 100 Euro in der Tat 67 Euro (0,79 x 0,85) im Projekt an, also 67 Prozent. Dies entspricht auch genau der Aussage auf der Website von Organisation A. Das heißt aber auch, dass 33% unterwegs in Fundraising, Verwaltung und Bildung verbleiben.

33% Kosten sind, wenn ich mir das DZI als Maßstab nehme, im oberen Bereich. Im Vergleich dazu die Bewertungen des DZI-Spendensiegels: niedrig (unter 10%), angemessen (10% bis unter 20%), vertretbar (20% bis 35%).

Rechnung 2 – Die Spende wird multipliziert

Im Durchschnitt soll eine Spende durch korrespondierende Förderanträge einen Hebel von 3,5 erhalten. Auf der Website von Organisation B wird vom Faktor 3 gesprochen, bzw. 2,55.

Nun, man kann es sich also als geneigter Spender aussuchen, ob die Spende nun 255% oder 300% oder 350% “Ertrag” bringt – in der Tat, es ist mehr als bei einer Bank. Da hat Organisation A Recht.

Aber was sagt mit dieser Vergleich?

faktor3-tweet

Laut Organisation B ist dies für eine Organisation im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit ein sehr guter Faktor. Ob’s stimmt – keine Ahnung.

Doch dazu drei Anmerkungen:

  1. Es gibt keinerlei Automatismus, nachdem eine gegebene Spende in einer Förderzusage irgendeines Ministeriums resultieren würde. Spenden werden von Ministerien nicht bonifiziert. Ja, Spenden stellen die notwendigen Eigenmittel dar, um häufig überhaupt Zuschussanträge stellen zu können. Aber eine direkte Kausalität herzustellen im Sinne von “wenn Spende, dann Zuschuß”, halte ich – vorsichtig gesagt – für sehr gewagt und auf dünnem Eis.
  2. Wenn ich als Organisation einen solchen Benchmark eröffne, wäre es nur transparent, wenn ich einen Vergleichsmaßstab anbiete. Wie hoch sind die Projektkosten anderer Organisationen? Oder an was liegt es, dass ich besonders viele (oder wenige) Fördermittel aus öffentlichen Töpfen erhalte? Ist dies projektbezogen, liegt es an Förderschwerpunkten der Ministerien, …? So ist die Zahl von 2,55 – 3,5 frei schwebend im Raum.
  3. Wir verteilen sich die genannten Kosten von 45 Euro je 300 Projekteuros? Fallen diese eher im Spendenanteil der 300 Euro an oder im Drittmittelanteil? Wäre das nicht interessant für Spender?

Und noch eine – vierte  Anmerkung: Wenn ich die Träger der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland ansehe und Spenden einwerbe, dann sehe ich zwei Finanzierungsarten: entgeltfinanzierte und zuschußfinanzierte Maßnahmen. In beiden Feldern können Mittel aus Spenden notwendig werden. Im ersten Fall, wenn die Kosten höher sind als die verhandelten Entgelte. Im zweiten Fall muss zu einem Zuschuß häufig ein Eigenmittelanteil aufgebracht werden. Wenn ich hier nun zwischen 5% und 20% Spenden benötige, heißt dies umgerechnet, dass jeder Spendeneuro einen Hebel von 5 bis 20 hat, dass also aus einem Spendeneuro 5 bis 20 Projekteuros werden durch die Mittel der öffentlichen Hand.

Und wenn nun nicht nur 67% als Hebel wirkten, sondern 80% … wenn man einmal mit der Rechnerei anfängt…!

Wettlauf der Zahlen?

Jetzt mal im Ernst. Wollen wir wirklich diesen Wettlauf der Zahlenspiele anfangen? Ja, es ist fein, auch einmal darauf hinzuweisen, dass Spenden erst die notwendige Voraussetzung schaffen, um an viele Fördertöpfe ranzugehen. Aber die Finanzkommunikation, die Wirkungskommunikation darauf aufbauen?

Wenn wir diese Baustelle aufmachen, dann landen wir ganz schnell bei einem komplexen Regelwerk, wie wir es beim DZI schon hinsichtlich der Berechnung der Verwaltungs-/Fundraisingkosten erleben. Damit wird keiner glücklich.

Und für Spenderinnen und Spender? Ist dies wirklich transparent oder nur eine Scheintransparenz? Zumindest im Fall von Organisation A, welche mit nur 67% weitergeleiteten Spenden sehr stolz argumentiert, habe ich große Zweifel. Wenn da nicht das Argument des “Hebels” käme, welches so halt nicht in seiner Kausalität stimmt, wäre es bitter.

Der Satz “Ihr seht: Wir vermehren die Kohle erfolgreicher als jede Bank und helfen damit Menschen weltweit.
Deshalb könnt ihr uns beruhigt euer Geld anvertrauen: Wir gehen damit mehr als gut um!” ist dann nicht mehr nur flapsig in meinen Augen, sondern schlichtweg irreführend.

Nachbemerkungen

  1. Spendenorganisationen – auch wenn sie noch so gute Arbeit leisten – mögen es überhaupt nicht, namentlich in einem nur annähernd kritischen Kontext genannt zu werden. Daher nenne ich die Namen hier nicht im Klartext. #ausGründen
  2. Sollte ich mich irgendwo oben verrechnet haben, so ist dies – ehrlich gesagt – nicht mein Problem, sondern stützt eher meine Argumentation.

 

Quellen:

Organisation A: Website mit der Botschaft “Aus 100 werden im Durchschnitt 235”

Organisation B: Website mit der Botschaft “Aus 100 werden 300”.

Organisation B: Video mit der Rechnung “Aus 100 werden 255” auf Youtube-Video.