Welche Spender suche ich

fotomailing-klGerade erreicht mich ein Brief einer bedeutenden Hilfsorganisation. Es ist ein großer A5-Umschlag, vorne der Hinweis auf eine CD “Die schönsten Lieder zum Fest”, das gleiche Motiv auf der stilisierten Briefmarke beim Infopost-Stempel.

Umschlag geöffnet. Inhalt: Ein Brief, ein Zahlschein, eine CD.

Und jetzt beginne ich mich zu ärgern … und überlege, ob ich den Ärger verschriftlichen soll, auch auf die Gefahr hin, dass mir dann wieder einige KollegInnen aus der Fundraising-Szene verschnupft sind (ja, Lob geht immer, Kritik ist leider verpönt). Aber der Fundraising-Knigge wurde ja nicht ins Leben gerufen, um nur die schönen Seiten zu zeigen. Also dann mal los:

  • Der Brief beginnt nichtssagend mit einigen Zeilen, dass bald Weihnachten ist. Okay.
  • Zweiter Absatz: Es gibt in Angola eine Bäckerei mit Bäckerin, dort riecht es gut.
  • Dritter Absatz: Jetzt beginnt doch noch Inhalt … 7 Zeilen und in der Mitte wird etwas von Bürgerkrieg und Landminen geschrieben … und von einer Partnerorganisation, welche der Bäckerin geholfen hat. Von der Bäckerei wird aber nicht mehr geschrieben …
  • Vierter Absatz: Ich soll spenden, das wäre das schönste Weihnachtsgeschenk für Menschen wie die Bäckerin.
  • 5. Absatz: Hinweis auf die CD.
  • Es folgen Weihnachtsgrüße und das unvermeidlich langweilige PS: 40 Euro werden von mir erwartet – klar, so ein Mailing kostet ja auch einiges.

Auf der Briefrückseite werden zwei Beispiele von Projekten / Personen in Angola vorgestellt. Leider aber nicht die Bäckerin. (das war falsch von mir gesehen – im ersten von drei Beispielen ist sie dargestellt.) Dafür steigt die Spendenhöhe: 56 und 100 Euro werden erwartet.

Die CD enthält 12 Weihnachtslieder, interpretiert von von Wolf Codera (Klarinette, Saxophon) – scheinbar durch TV bekannt, mir aber nicht.

So nicht!

Nein, liebes Team von “xxxxxxxxx” (s. Anmerkung unten am Text). So sehr ich Euch und die Arbeit von XXXX  ja schätze, aber mit diesem Mailing punktet ihr bei mir nicht. Und das hängt nicht nur mit der Konkurrenz durch die Taifun-Katastrophe auf den Philippinen zusammen (klar, so ein Mailing ist längerfristig produziert).

Es kommen viele Spendenmailings an, die Auswahl ist groß. Hier mal die Punkte, warum ich nicht spenden werde:

  • Der Brief ist einfach schlecht. Die Arbeit von “XXXXXXXX”  kann nicht so dünn sein, wie es der Brief suggeriert. Er ist oberflächlich und allgemein geschrieben.
  • Mit dem FSC-Siegel auf dem Brief zu werben und gleichzeitig eine Musik-CD zu versenden, die tausendfach im Müll landen wird und praktisch nicht recyclebar ist – das geht einfach nicht.
  • Eine CD beizulegen, das weckt den mehr als schalen Nachgeschmack, dass hier Spender mit “Gewalt” gefunden werden sollen. Nicht die Projekte, nicht die Arbeit, sondern ein klares schlechtes Gewissen sollen zur Spende leiten – CD gegen Geld. Das machen die berühmt-berüchtigten Hand- und Fußmaler professioneller.
  • Und dann noch eine Weihnachtslieder-CD. Bitte: Welcher erwachsene Mensch in fortgeschrittenem Alter ist nicht bis zum Abwinken mit Schallplatten und CDs zu Weihnachten versorgt? Gibt es wirklich Bedarf für die 27. Einspielung von “Macht hoch die Tür”?
  • Was hat diese CD mit XXXXXXX bzw. deren Arbeit zu tun. Eine Beilage, ein Incentive sollte doch etwas mit der versendenden Organisation korrespondieren.
  • Ich empfinde solch ein Mailing als zu teuer.

Und dann wundern sich Organisationen noch, warum Menschen nur einmal spenden. Das ist doch kein Wunder, bei solchen Mailings. Wenn ich aus einem schlechten Gewissen heraus spende, weil ich eine CD bekomme und das Gefühl habe, eine – merkliche – Gegenleistung ist fällig, dann begründet dies keine tragfähige Beziehung zur Organisation.

Nein, da bin ich altmodisch. Ich will Inhalt, ich will klar wissen, warum meine Spende benötigt wird. Insbesondere dann, wenn auch relativ hohe Beträge angefragt werden. Dafür ist dann das Angebot an Spendenprojekten zur Weihnachtszeit zu groß.

PS: Wem dies etwas hart erscheint … In meinem Bekanntenkreis (nicht-Fundraiser) gibt es deutlich drastischere Äußerungen zu so aufwändigen Spendenbriefen. Ich empfehle hier den starken Blick über die Fundraising-Szene hinaus.

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Nachtrag am 28.11.2013. Aufgrund verschiedener Außerungen, welche bis hin zu drei persönlichen Bedrohungen via Kontaktformular und am Telefon gingen, habe ich den Namen der Organisation anonymisiert. Merke: Du darfst jedes Mailing loben, aber wehe Du äußerst subjektive Kritik.