Muss der Vorstand zuerst geben? Demontage eines populären Mythos.

debatte-2“Der Vorstand gibt zuerst!” Dieser Imperativ wird nicht nur an der Fundraising Akademie gelehrt, sondern findet sich immer wieder in Veröffentlichungen. Dabei wird meist auf die USA als gelobtem Land des Fundraisings verwiesen, wo dies wohl sehr häufig der Fall sei. Und im nächsten Atemzug wird – immer – darüber lamentiert, wie weit wir in Deutschland von dieser Praxis entfernt sind.

Nun schreibt mein sehr geschätzter Kollege Jan Uekermann auf swissfundraising.org zum Thema und schlägt in die gleiche Kerbe:

Meines Erachtens sollte die Regel allerdings heissen: Give and Get or Go. Denn authentisch um Spenden bitten können ja nur diejenigen, die selber das Projekt finanziell unterstützen.
Wenn Ihr Vorstand Ihre Organisation auch mit Geldspenden unterstützt, ist das sehr gut. Wie sieht es mit den Mitarbeitern aus? Den Zulieferern? Nachbarn? Freunden und Familie?   In einem weiteren Schritt können wir uns dann noch Gedanken um die Form der Unterstützung machen. Falls Sie aktiv darauf hinweisen, dass Ihre Organisation im Testament bedacht werden kann, dann gehört Legate-Marketing zu Ihrem Fundraising-Mix. Sofort muss ich Ihnen allerdings die Frage stellen: Haben Sie selber Ihre Organisation im Testament bedacht? Und Ihre Vorstands-Frauen und -Männer.
(Quelle: http://swissfundraising.org/index_de.php?TPL=26010&x26000_ID=575 )

Doch in seiner Zuspitzung schafft Jan es, dass mir klar wird, warum ich dieses Dogma “Der Vorstand gibt zuerst!” schon immer sehr kritisch sah. Jetzt bin ich mir sicher, ich lehne diesen Satz in seiner Absolutheit ab. Hier meine Argumente:

Spenden sind freiwillig

Diese Frage scheint zentral zu sein. Muss ich selber für den Zweck, für welchen ich um Spenden bitte, Geld geben? Diese Diskussion kennen wir zum Beispiel intensiv, wenn es darum geht, ob ich Ehrenamtliche – noch zusätzlich zu ihrem Engagement – um eine Spende bitten darf. Hierzulande ist dies eher ein Tabu.

Ich bin der Auffassung, Spenden sind eine freiwillige Angelegenheit. Dies mag als Selbstverständlichkeit angesehen werden und ist Konsens in der bundesrepublikanischen Fundraising-Szene. Doch in diesem Kontext ist es ein wichtiger Ausgangspunkt.

Was kann geschehen, wenn das Dogma “Der Vorstand gibt zuerst!” durchgesetzt wäre:

  • Wenn jeder Vorstand auch für seinen Verein spenden müsste, dann würde sehr schnell ein Ranking geschehen, wer wieviel gibt. Geben alle Vorstandsmitglieder gleich? Geben sie – bei bezahlten Vorständen – anteilig zu ihrem Einkommen (das keiner kennt)?
  • Gilt diese Regel auch für leitende Angestellte?
  • Und warum soll nur der Vorstand geben und nicht alle Mitarbeitenden? Immerhin steht ja jede/r einzelne Mitarbeitende für die Organisation und könnte nach seinen / ihren Möglichkeiten geben.

Ab wann schlägt das Pendel um und die freiwillige Spende wird zur moralischen Pflicht? Und wann wird aus der moralischen Pflicht eine faktische, sozial kontrollierte Pflicht, der sich niemand mehr entziehen kann?

Insbesondere bei kleineren Organisationen, welche weder einen Tarifvertrag noch eine Mitarbeitervertretung bzw. einen Betriebsrat haben, dafür eine charismatische Leitungspersönlichkeit, besteht eine eklatante Missbrauchsgefahr:

  • Werden Vorstandsverträge nur verlängert, wenn sie einen angemessenen Anteil ihrer Vergütung an den Verein gespendet haben?
  • Gibt es anstelle von Zulagen ins Gehalt eingerechnete “Spendenanteile”, womit der Verein seine Finanzen verbessert und die Löhne de facto senkt?

Ich will diese Situation einmal mit dem in Deutschland geltenden Heimgesetzen der Länder vergleichen. Hierbei ist es verboten, dass ein Heim von seinen Bewohnern Spenden entgegen nimmt. Über Ausnahmen muss in jedem einzelnen Fall die zuständige Heimaufsicht befinden. Damit soll verhindert werden, dass sich Heimbewohner das Wohlwollen des Heimträgers oder der Leitung indirekt erkaufen kann und Vorteile gegenüber anderen Heimbewohnern erhält.

Gleiches Recht für alle

In der Kommunikation mit Spendern betonen wir immer wieder, wie wichtig uns jede (!) Form der Unterstützung ist. Bei christlichen Hilfswerken wird dabei meist auf die Gleichwertigkeit von Ehrenamt, Gebet und Geldgabe hingewiesen. Und wenn sich bei Spendern die Präferenzen ändern und wir nicht mehr bedacht werden, sind wir nicht “eingeschnappt”, sondern zeigen Verständnis für diesen Sinneswandel.

Warum können wir diese Souveränität mit der Gabe nicht auch im internen Bereich handhaben? Ich finde, dass auch Vorstandsmitglieder (und auch alle Mitarbeitenden in Haupt- und Ehrenamt) …

  • frei entscheiden sollen, ob sie “ihre” Organisation zusätzlich zur Arbeitsleistung mit Geld unterstützen mögen;
  • in welcher Höhe sie gegebenenfalls ihren Verein unterstützen;
  • ihre finanzielle Unterstützung jederzeit verändern oder stornieren dürfen.

Denn genauso wenig wie bei Spendern kennen wir bei den Vorständen oder Mitarbeitenden die persönlichen Verhältnisse:

  • Werden Spenden in der Familie besprochen und gemeinsam beschlossen?
  • Gibt es finanielle Verpflichtungen, welche eine Spende schwierig machen?
  • Welche Spenden-Engagements hat jemand bereits, evtl. aus einer früheren Beschäftigung heraus?

Mein Testament für meinen Verein?

Ein Punkt, an welchem sich bei mir nicht nur die Haare sträuben, sondern alle Finger- und Fußnägel kräuseln, ist der Satz “Sofort muss ich Ihnen allerdings die Frage stellen: Haben Sie selber Ihre Organisation im Testament bedacht? Und Ihre Vorstands-Frauen und -Männer.” aus obigem Zitat.

Nein, das geht überhaupt nicht.

  • Ein Testament ist immer eine absolut freie Entscheidung und stellt gewissermaßen die “Krönung”, den Abschluss meines Lebens(werkes) dar. Ein Testament ist keine moralische Verpflichtung – weder gegenüber Familie oder Verwandten, noch gegenüber Organisationen.
  • Ich werde mein Testament nicht nach jedem Arbeitgeberwechsel ändern.
  • Mein Testament wird entsprechend meiner höchstindividuellen Situation verfasst sein. Und für die meisten Menschen ist erst einmal im Zentrum die Versorgung der Hinterbliebenen.
  • Ob ich zu Lebzeiten oder von Testament wegen geben – oder beides – ist eine persönliche Entscheidung.
  • Ich werde niemanden nach seinem Testament fragen! Soll ich von Vorständen oder Fundraisern eine Abschrift zur Einstellung verlangen? Und welcher prozentuale Anteil ist angemessen?

Nein, das ist nicht nur ein provokanter Satz, den wir hier lesen. Es ist gegenüber den Mitarbeitenden eine Zumutung und zeigt ein schwieriges Verständnis von Nachlass und Testament für einen gemeinnützigen Zweck.

 

Mein Fazit:

  1. Ich finde es völlig legitim zu sagen, dass ich die eine Organisation als Mitarbeitender (oder Vorstand) unterstütze und die andere im Ehrenamt und die Dritte (nur) mit Geld.
  2. Jeder moralische Druck auf Mitarbeitende / Vorstände einer Organisation zu spenden, deformiert die Freiwilligkeit und Bedeutung der Spende als Gabe.
  3. Wenn Vorstände und Mitarbeitende geben, dann hat dies der gleichen Vertraulichkeit zu unterliegen, wie jede andere Spende. Publizität schafft Druck.
  4. Meine Authentizität als Fundraiser hängt nicht davon ab, ob ich meine Organisation mit Geld oder im Testament bedenke. Meine Authentizität zeigt sich in meiner Persönlichkeit und meinem Engagement – oder eben auch nicht.
  5. Geldspenden von (bezahlten) Vorständen oder Fundraisern sind eine moralisch idealisierte Gehaltskürzung.
  6. Wer sich ehrenamtlich beispielsweise als Vorstand engagiert – und auch wirklich etwas macht – gibt etwas wertvolleres als nur Geld. Er gibt etwas von seiner Lebenszeit ab.
  7. Jeder hat zu jeder Zeit das Recht, spontan oder geplant, einen Verein mit einer Spende zu unterstützen.

 

Vielleicht benötigen wir genau das Gegenteil: Ein Verbot, als Beschäftigter eines Vereines, diesem Verein Geldspenden zukommen zu lassen.

Das ist zugegeben eine Provokation, aber eine, über welche es sich nachzudenken lohnt.

Ich freue mich über eine offene Diskussion zu diesem Thema!

tl;dr
Der Mythos “Der Vorstand gibt zuerst!” muss begraben werden. Er hat – zuende gedacht – gefährliche Folgen und verkennt wichtige Prämissen im Fundraising.