Von Fallenstellern und Neuspendermailings

Der Fang ist nicht immer so üppig.

Der Fallensteller verzweifelt schier. Gerade einmal jede hundertste Falle ist auf seinem Rundgang noch gefüllt. Und von den wenigen gefangenen Tieren kann sich immer noch mehr als die Hälfte losreißen und davonhinken. Als es noch mehr – zutraulicheres – Wild und weniger Fallensteller im Wald gab, war seine Ausbeute besser gewesen. Da war immerhin noch jede zehnte Falle gefüllt. Heute wird seine Familie nur noch selten richtig satt. Die Köder kosten ihn mehr, als das Fleisch und das Fell bringen. Nur hin und wieder fängt er ein großes Wild, so dass es wieder für längere Zeit reicht.

Sein Bekannter arbeitet im Jagd-Fachhandel. Im Laufe der Jahre gibt er ihm so manchen guten Tipp:

  • „Kaufe eine neue Falle, die ist stabiler!“
  • „Nimm größere Fallen für Großwild.“
  • „Nimm die kleinen, billigen Fallen und stelle doppelt so viele auf.“
  • „Wechsel den Köder, das hilft oft.“

Doch alles hilft nicht. Mehr als einen Fang pro hundert Fallen schafft er im Durchschnitt einfach nicht. Aber nicht nur er. Auch seiner ständig wachsenden Schar von Fallenstellerkollegen geht es nicht besser. Die Wälder sind gefüllt mit Fallen – kleinen, großen, Köder in allen Geschmacksrichtungen, sichtbar und versteckt. Doch die Tiere lernten mit. Sie gewöhnten sich schnell an neue Fallen-Variationen und wurden scheu, meiden die offenen Plätze, misstrauen dem leckersten Köder und trauen sich nicht mehr aus dem Unterholz heraus.

Und nun die absehbare Transfer-Aufgabe …

Ersetze:

  • Fallensteller durch Fundraiser
  • Wild durch Spender
  • Falle durch Mailing
  • Köder durch Incentive
  • Unterholz durch Robinsonliste bzw. „Keine Werbung“-Aufkleber

Ist dieser Spiegel nicht frustrierend?

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel und bessere Fundraising-Instrumente. Denn momentan verhalten wir uns so wie der genannte Fallensteller.

Es fällt uns nichts Besseres ein, als ein Neuspender-Mailing nach dem anderen rauszuschicken. Das Herumbasteln an über 3000 verfügbaren Adresslisten, Briefhüllen in allen Formen und Farben, ausgefeilten Beilagen und sprachlichen Finessen beschäftigt uns wochenlang und hindert uns daran, dieses Fundraising-Instrument für die Neuspendergewinnung grundsätzlich in Frage zu stellen.

Dabei ist es ein Fakt: Wir treffen eher mit einem blinden Schuss im Wald ein Tier, als dass wir mit einem Mailing einen Neuspender dauerhaft gewinnen. Dazu kommt: Die meisten Menschen mögen keine Mailings – fragen Sie einfach mal 10 beliebige Menschen aus Ihrem weiteren Bekanntenkreis. Wer offen zugibt, Mailings an Kaltadressen zu versenden, steht im beruflichen Ansehen noch unter dem von Berufspolitikern und Leichenwäschern.

Ich glaube, das halten wir Fundraiser nur aus, weil es Menschen gibt, die uns immer wieder aufbauen und uns bestärken, Mailings zur Neuspendergewinnung zu verfassen. Nein, ich meine nicht unsere Vorgesetzten oder Lebenspartner. Ich meine all die spezialisierten Dienstleister, Agenturen, Listbroker, Texter und Gestalter. Sie alle bestärken uns in unserem sinnlosen Tun. Sie helfen uns – so wie im Fallensteller-Beispiel – der Bekannte aus dem Jagdfachhandel. Und ebenso erfolgreich …

Historisch betrachtet wurden aus den Jägern und Sammlern die Ackerbauern und Viehzüchter. Wir müssen diesen Schritt oft noch machen. Aus Spendenwerbern werden nachhaltig agierende Fundraiser. Die auf Neuspenderwerbung spezialisierten Mailing-Agenturen sind – überspitzt formuliert – eine aussterbende Gattung. Sie haben das Instrument Mailing zur Neuspendergewinnung totgeritten. Es ist ökonomisch und ökologisch unverantwortlich, 100-200 Briefe zu versenden, nur um einen Neuspender zu gewinnen – der statistisch betrachtet nach einer Spende bereits mit einem Bein auf dem Absprung ist.

Wir müssen nun den historischen Schritt gehen, neue Wege zu finden, Menschen nachhaltig für unsere Ideale zu begeistern. Wir brauchen Angebote, so attraktiv wie eine Futterstelle im winterlichen Wald.

Das Neuspendermailing ist tot. Es lebe das …. ???

 

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