Mehr Schein als Sein? Oder: Wann ist ein Shop ein Shop?

Schwein - oder nur Schein?

Schwein – oder nur Schein?

Durch einen Newsletter stieß ich letzte Woche wieder auf einen schön aufgemachten Spendenshop der Welthungerhilfe. Dabei fiel mir auf, dass im Newsletter bereits darauf hingewiesen wurde, dass der Shop eigentlich gar kein Shop sei. Merkwürdig, dachte ich bei mir. Das interessiert mich jetzt aber. Und somit erfüllte der Newsletter seinen Zweck und leitete mich auf die Website.

Und mir gefiel der Shop der Welthungerhilfe auf den ersten Blick sehr gut. Nett gefaltete Origami-Tiere illustrieren die Shop-Artikel. Und wer sich – wie ich – nicht lange mit den Randtexten aufhält und einfach mal einen Artikel anklickt, wird z.B. beim Schwein lesen:

Überschrift: “Schwein verschenken”. Direkt unter dem Bild: “Für 30 Euro erhält eine Familie in Laos ein Schwein.”

Toll, dachte ich mir. Das ist doch mal so richtig praktisch, direkt und anschaulich.

Doch dann suchte ich – professioneller Fundraiser – nach Erläuterung. Und nebendran fand ich dann folgenden Kasten:

Mehr Schein als Schwein. Das "Kleingedruckte" entzaubert den Shop.

Mehr Schein als Schwein. Das “Kleingedruckte” entzaubert den Shop.

Und hier wird die ganze schöne Idee entzaubert. Der Shop ist doch nur wieder eine altbekannte “Shopping-List”, deren Artikel lediglich beispielhaft für den Förderzweck stehen.

Ich war irgendwie enttäuscht. Denn durch die ganze Aufmachung hatte ich doch das Gefühl, dass da mehr dahinter sei, dass ich doch direkt und tatsächlich ein Schwein spenden könne.

Es würde mich nun interessieren, wie ein “unbedarfter” Spender solch einen Shop wahrnimmt. Denn die gesamte Aufmachung suggeriert doch, dass hier wirklich Schweine, Fischzucht-Sets, Schulmaterial etc. in entsprechender Stückzahl gekauft / gespendet wird. Denn im Bestellprozess heißt es dann später ganz normal “Einkaufskorb”, “Anzahl der Artikel”, “Produktbeschreibung”, “Kontrollieren Sie Ihre Bestellung” – also vollkommen so, wie ich es von einem ganz normalen Kaufvorgang gewohnt bin.

Ja, es wird klar am Rand darauf hingewiesen, dass die Produkte nur “beispielhaft für die tägliche Projektarbeit” stehen.

Nein, es gefällt mir trotzdem nicht. Denn die Aufmachung und die Tonalität des “Shops” sprechen eine andere Sprache. Es wird mit der Unmittelbarkeit der Spende, der 1:1-Umsetzung in Bild und Text geworben.

Andere Spenden-“Shops”

Es gibt eine Fülle anderer Spendenshops, wenn man mal nach diesem Stichwort im Internet sucht. Und ich habe mir mal vier weitere Shops, auf welche ich zuerst stieß, angesehen.

 1) nph Deutschland – Unsere kleinen Brüder und Schwestern

Klare Botschaft: 16 Wörterbücher werden noch benötigt. Mehr kann ich nicht spenden.

Klare Botschaft: 16 Wörterbücher werden noch benötigt. Mehr kann ich nicht spenden.

Mit mygoodshop.org hat nph Deutschland einen der ersten Spendenshops online platziert. Wenn ich auf die Artikel gehe, sehe ich einen konkreten Bedarf an benötigten Artikeln, welche offenbar dann direkt in den genannten Kinderdörfern vom gespendeten Geld gekauft werden. Ich kann nicht über den Bedarf hinaus spenden / kaufen. Das empfinde ich als sehr glaubwürdig. Beispielsweise wurden auf einer Seite für zwei Mädchen Brillen erbeten. Und mehr als diese zwei Brillen konnte auch nicht in den Warenkorb gelegt werden.

2) CARE Deutschland

Mit was fülle ich mein Care-Paket? Sein oder Schein?

Mit was fülle ich mein Care-Paket? Sein oder Schein?

CARE – sozusagen die Urahnen der Hilfs-Paketsendung. Das CARE-Paket ist sprichwörtlich und steht für eine direkt Hilfe, welche beim Empfänger ankommt. Und so wählte ich mal ein Notunterkunft-Paket aus und legte es in mein virtuelles “CARE-Paket”.

Aber ein kleiner Funken Zweifel war doch da, was ich nun tue. Spende ich wirklich ein Notunterkunft-Paket, wie es hier eindeutig geschrieben steht? Ich frage über Twitter beim Care-Team nach und erhalte auch bald eine Antwort.

Leider gefällt mir die Antwort wieder nicht so gut. Bei CARE sind die Artikel nur symbolisch zu verstehen und die Spende wird für eine Hilfsmaßnahme der entsprechenden Kategorie verwendet. Nachzulesen ist das in den FAQ.

Auch bei CARE sind die Shop-Artikel nur symbolisch.

Auch bei CARE sind die Shop-Artikel nur symbolisch.

3) ChildFund Deutschland

Bei ChildFund Deutschland (früher: CCF Kinderhilfswerk) gibt es nun auch einen Spendenshop.

200.000 Ziegen überstiegen mein Budget.

200.000 Ziegen überstiegen mein Budget.

Tiere, Jacken, Schulmaterial etc. kann ich dort kaufen. Anders als bei nph Deutschland sind aber keine benötigten Mengen eingegeben. Als ich 200.000 Ziegen zum Stückpreis von 18.- Euro bei einer Bestellsumme von 3,6 Mio. Euro eingab, akzeptierte der Shop das anstandslos. Nun, ich wollte meine Bank nicht in Versuchung führen, diese Lastschrift einzulösen und brach ab …

Dann fragte ich per E-Mail an, wie es denn mit den Artikel in der Praxis aussähe. Die für mich befriedigende Antwort lautete:

“Wenn Sie eines unserer Hilfsgüter aus dem ChildFund Spendenshop erwerben, dann wird exakt dieses Produkt an eine der Familien im Projekt ausgegeben. Da bei unserer Arbeit die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund steht, möchten wir diesen Leitsatz auch über den Spendenshop verwirklichen.”

Es geht also. Fein!

4) UNICEF

Das große Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hat natürlich auch einen Spendenshop.

Blitzschnelle Antwort via Twitter auf meine Anfrage. Vorbildlich!

Blitzschnelle Antwort via Twitter auf meine Anfrage. Vorbildlich!

 

Im Shop kann ich zum Beispiel Fleece-Decken oder Polio-Impfstoff “erwerben”. Und auch hier wieder via Twitter meine Frage, ob der Artikel wirklich gekauft wird.

Die Antwort war ein “Im Prinzip ja, aber es gibt Ausnahmen.” Genauer erläutert ist das Prozedere hier. Für mich war diese Antwort ausreichend und ich habe den Eindruck, dass meine Spende wirklich so, wie es der Shop mit darstellt, verwendet wird.

Damit beendete ich meine kleine Recherche zu Spenden-Shops und hatte den Eindruck, dass das ein Blog-Artikel für den Fundraising-Knigge werden könnte …

 

 Mein Fazit zu den “Spenden-Shops”

Menschen geben Menschen – DAS Mantra im Fundraising. Folgerichtig sollen Shops auf den Spendenseiten von Hilfsorganisationen den potentiellen Spendern den Eindruck vermitteln, dass ihre Spende direkt und unmittelbar in Form des “gekauften” Gegenstandes den Hilfsbedürftigen zugute kommt. Sie stellen damit eine Erweiterung der bekannten “Shopping-List” dar, bei welcher zum Beispiel in Mailings sinnbildlich gezeigt wird, wofür Mittel benötigt werden.

Die kleine, schnelle Recherche, bei zufällig gefundenen Shops zeigt nun, dass dieses Konzept “Shop” sehr unterschiedlich umgesetzt wird. Es gibt Shops, welche wirklich die genannten Artikel zur Verfügung stellen, andere arbeiten mit symbolischen Beispielen. Aber alle erwecken den Eindruck, dass es wirklich um den Gegenstand geht.

Für mich ergibt sich damit die Problemanzeige, dass das Modell “Shop” in seiner Reinform im Alltag verwässert wird. Aus ethischer Sicht stelle ich in Frage, ob es genügt, wenn im “Kleingedruckten” auf die Projektbezogenheit der Spende hingewiesen wird, im Shop aber alles getan wird, um die Illusion eines realen Kaufs aufrecht zu erhalten. Persönlich finde ich das grenzwertig und empfehle es nicht zur Nachahmung.

Ein Shop soll ein Shop sein. Alles Andere ist eine bewusstes Spiel mit der Illusion der Spender, direkt zu geben.