Wie hältst Du’s mit der Treue?

 Sind Sie ein treuer Spender?

 

Gute Frage, zumindest auf den ersten Blick. Doch was ist denn ein guter Spender? Die Antwortkategorien der Umfrage lauten:

  • Ja, ich spende zumeinst an dieselbe Organisation.
  • Nein, ich spende oft an eine andere Organisation.

Nun will ich nicht aus soziologischer Sicht über die Trennschärfe und Verständlichkeit dieser Frage schreiben, wenngleich das den Artikel deutlich verkürzen würde … 🙂  Diese Umfrage ist seit gestern (26.1.12) online auf dem Fundraising-Wiki. Und als ich diese Meldung heute auf Twitter las, kam spontan der Gedanke auf, ob es nicht viel sinniger wäre, folgende Frage zu stellen:

Bist Du eine treue Spendenorganisation?

Wie hältst Du als Spendenorganisation es denn mit der Treue zu Deinen Spendern?

  • Lockst Du Deine Spender mit toll getexteten Mailings und herrlichen Bildern an?
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    Und bringst Du sie dann spätestens beim Versand der Hauszeitschrift auf den harten Boden der Realität zurück? Das Mailing machen Agenturen, die Hauszeitschrift wird im Büro am PC mit WORD “layoutet” … man spart ja, wo man kann?
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  • Versprichst Du in emotionalen Mailings, mit persönlichem Foto und Unterschrift Nähe und Geborgenheit?
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    Und endet diese Nähe dann schlagartig nach Zahlungseingang der Spende mit einem gesichtslosen Dankbrief und einem “gez.” anstelle der Unterschrift (alternativ einer pixelig schwarz gescannten Unterschrift) – und ohne jeden Bezug zur Spende?
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  • Forderst Du Kommunikation und Rückmeldung ein (“schreiben Sie uns”)?
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    Und heißt diese Kommunikation, dass man als Erstspender ein Willkommens-Package bekommt; aber man schon als Folgespender mit der Nachricht konfrontiert wird, dass man künftig aus Kostengründen nur noch einmal jährlichen einen Dank mit der Sammel-Zuwendungsbestätigung zu Jahresbeginn bekäme?
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  • Hast Du ein Corporate Design (Logo, Erscheinungsbild etc.) und eine Hauszeitschrift?
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    Aber ist die Haltbarkeit des Corporate Designs (wahlweise des Vereinsnamens) nicht länger als der Zyklus der Zusammenarbeit mit einer Agentur; denn Du lässt Dir von jeder Agentur ein neues Design und eine neue Struktur der Spenderpublikationen aufs Auge drücken?

Es hat seinen Grund, dass ich das so schreibe. Denn ich erlebe diese Unbeständigkeit auf Vereins-, Kirchengemeinde- oder Spendenorganisationsseite doch häufig. Wir hoffen alle auf die treuen, verlässlichen und lebenslang verbunden bleibenden Spender. Doch was tun wir unsererseits, um diese Treue zu erwidern?

Halten wir die Versprechen, die wir unterschwellig in den Mailings machen?

Das ist in meinen Augen keinesfalls eine rhetorische Frage. Und es ist auch nicht primär eine praktische Frage, welche Versprechen wir offensichtlich und latent abgeben und ob wir sie im Alltag halten können. Es ist eine ethische Frage, wie glaubwürdig unsere Kommunikation ist. “Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.”, heißt es alltagssprachlich. Wie glaubwürdig sind unsere inhaltlichen Positionen, wenn wir in der Spenderkommunikation mehr versprechen, als wir zu halten in der Lage sind?

Verlässlichkeit ist eine Grundkomponente

Wir Menschen sind auf Verlässlichkeit im Alltag angewiesen. Wenn der Partner jeden Monat seinen Musikgeschmack grundlegend wechselt, die Kinder quartalsweise von Punkt zu Pop zu HipHop hüpfen, …, wir wären sehr verwirrt. Soziologisch betrachtet sind wir extrem auf vorhersagbare Beziehungen und Verhaltensweisen angewiesen. Und das betrifft auch das Verhältnis, welches wir zu Organisationen haben.

 Ich bin überzeugt davon, dass viele Spender ihrer Organisation gerne länger treu wären – wenn die Organisation es ihnen nur etwas leichter machen würde und eben so viel Empathie in die Spenderpflege wie in die Spendergewinnung legen würde.