Planen – erledigen – reflektieren

In der Theorie sieht es immer ganz einleuchtend aus. Im Fundraising – egal ob im Alltag oder bei Projekten – folgt man dem Dreiklang von Planen, Handeln und Reflektieren. Wir gehen beispielsweise im Herbst in die Jahresplanung für das Folgejahr, setzen dann die geplanten Maßnahmen sorgfältig im Laufe der folgenden Monate in die Realität um, und vor der nächsten Planungsrunde reflektieren wir die gemachten Ergebnisse und Erfahrungen als Grundlage für die erneute Planungsrunde.

Leider ist es in der Praxis häufig nicht so. Ich erlebe in Beratungen oder beim Blick von außen, dass Fundraising-KollegInnen sich entweder im Prozeß der Planung verlieren oder vor lauter operativer Hektik weder zum Planen, noch zum Reflektieren kommen. Und beide Szenarien sind verhängnisvoll für die Weiterentwicklung des Fundraisings in der Organisation. „Planen – erledigen – reflektieren“ weiterlesen

Scheinriese Stiftung

Je niedriger die Sonne am Fundraiser-Horizont steht, desto länger der Schatten einer Stiftung.
Je niedriger die Sonne am Fundraiser-Horizont steht, desto länger der Schatten einer Stiftung.

Ich bin ein Freund von Stiftungen … wenn sie zum Fundraising-Mix einer Organisation passen. Zwei Stiftungen habe ich auch maßgeblich konzipiert und bei einer Geburtshilfe geleistet. Doch wie ich auch hier im Blog schon schrieb: Eine Stiftung zu gründen, weil es gerade in Mode scheint oder einem nichts besseres einfällt, halte ich für einen groben Fehler. Eine Stiftung muss immer zu den Fundraising-Zielen passen und zum Mix der Fundraising-Instrumente.

Wie komme ich darauf? Nun, vor einer Woche flatterte mir folgende Meldung in den elektronischen Postkasten:

Aichwald (epd). Die bauliche Zukunft ihrer mittelalterlichen Kirchen will die Evangelische Kirchengemeinde Aichwald (Kreis Esslingen) mit einer Stiftung absichern. Mit der “Vier-Kirchen-Stiftung, die am 14. November gegründet wird, sollen Finanzierungsquellen über die Kirchengemeinde hinaus erschlossen werden, (…) Die Kirchengemeinde Aichwald mit 3.500 Mitgliedern ist zuständig für denkmalgeschützte Kirchen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert (…).

Die Kirchengemeinde, (…) wolle keine der Kirchen aufgeben müssen, (…) Als Startkapital für die Stiftungsgründung hätten mehr als 70 Privatpersonen, Vereine, Firmen und die Kommune 114.000 Euro zusammengetragen. Pfarrer Jochen Keltsch nannte als nächste Baumaßnahmen an den Kirchen die Außenrenovierung der Schanbacher Kirche mit 260.000 Euro, einen neuen Motor für die Glocke in Aichelberg und Reparaturen an der Heizung in Krummhardt mit rund 30.000 Euro.

(Quelle: epd-Südwest/Kirchen/Baudenkmale/Finanzen/; 2555/07.11.2014; epd lbw mu- cr)

Wenn ich lese, dass zum Start “gerade mal” 114.000 Euro zusammen kamen, aber alleine als aktuelle Baumaßnahmen 290.000 Euro anstehen, so erschließt sich mir die Strategie hinter der Stiftungsgründung nicht. Natürlich, so wird mir jetzt entgegnet werden, soll es ja nicht bei den 114.000 Euro bleiben, sondern es sollen Zustiftungen und Vermächtnisse folgen. Aber ist es realistisch, anzunehmen, dass dadurch ein Betrag von einer Million oder deutlich darüber zusammenkommen wird? Immerhin ist hier die Rede vom Bauunterhalt von vier (!) mittelalterlichen Kirchen. Beim aktuellen Zinsniveau, wo sogar schon Strafzinsen für Festgeldanlagen diskutiert werden, bringt Kapital nicht so viel ein.

Als Benchmark dazu die “Drei-Kirchen-Stiftung” im nicht weit entfernten Kirchenbezirk Geislingen. Diese wurde 2006 mit 192.000 Euro errichtet und hat Ende 2012, also nach sechs Jahren Werbung, 307.000 Euro Kapital erreicht. Und eine tragende Säule ist die Stiftung noch lange nicht, wenn man die notwendigen laufenden Bausummen und die möglichen Zuschüsse aus der Stiftung im Rundbrief der Stiftung gegenüberstellt.

Wenn ich mir diese Projekte ansehe und gleichzeitig die demografische Situation der Kirchenmitgliedschaften vor Augen führe, so stellt sich mir doch die Frage, ob einzelne gezielte Fundraising-Maßnahmen für den Bauunterhalt der Kirchen nicht ertragbringender wären als die sehr geringen Zinserträge der Mini-Stiftungen. Und muss eine Kirchengemeinde wirklich alle Kirchen erhalten, nur damit “die Kirche im Dorf bleibt”? Zementiert eine Stiftung hier nicht Strukturen, Gebäudestrukturen, welche vielleicht in bereits 50 Jahren völlig überholt sind?

Diese Überlegungen sehe ich noch viel zu selten aufschimmern zwischen all den Jubelmeldungen über eine Stiftungserrichtung nach der anderen. De facto wird hier das Geld von Kirchenmitgliedern “begraben”. Wäre es für eine Kirchengemeinde nicht belebender, alle 2-4 Jahre einmal ordentlich die Fundraising-Karte zu ziehen und damit die den Bauunterhalt der Kirchen aktiv und lebendig in die Gemeinde zu bringen? Nun, vielleicht wurden diese Überlegungen ja getätigt … leider finde ich sie nirgends dokumentiert.

Fazit: Die Gründung einer Stiftung wird noch immer als Allheilmittel angesehen und gepriesen, wenn es um die nachhaltige Finanzierung gerade von Bauprojekten geht. In der Realität sind diese Stiftungen so ehrfuchtseinflößend wie der Scheinriese Herr Tur Tur  in Michael Endes “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer”. Aus der Ferne wirkt der Stiftungsbegriff mächtig, finanziell potent und mit hohem Fundraising- und Wachstumspotential. Je mehr man sich diesen Stiftungen aber nähert, desto kleinerund wirkungsloser erscheinen sie, schrumpfen auf Normalmaß.

Kleiner Ausblick: Wäre eine Verzehrstiftung nicht eine zeitgemäßere und der Realität angepasstere Alternative? Mehr dazu in einem der nächsten Blog-Artikel.

Disclaimer: Als Fundraiser und Geschäftsführer einer diakonischen Stiftung in Stuttgart stehe ich natürlich in einem gewissen Wettbewerbsverhältnis zu den Stiftungsgründungen in der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Allerdings weiß ich dadurch auch um die Mühen, eine Stiftung groß werden zu lassen.