Beilagen, die keiner braucht. Oder: Mailing-Müll

In den letzten Jahren habe ich viele Beilagen in Mailings erhalten, direkt von den Organisationen zugeschickt oder – zuletzt vermehrt – von Kollegen und Bekannten überreicht, welche meine diesbezügliche Sammelleidenschaft kennen. Und ich hatte auch schon über besonders eklige Beilagen gebloggt.

Diese Woche war wieder ein besonderes Schmuckstück dabei. Und zur Abwechslung einmal nicht von einer halbseidenen bis völlig dubiosen im Ausland situierten pseudochristlichen Organisation, sondern von einem bundesdeutschen Urgestein.

Hier ist es:

Eine rechteckige kleine Schlüsselanhänger-Taschenlampe in Lederoptik.

Entgegen meiner Befürchtung funktionierte diese Mini-LED-Taschenlampe sogar durch Druck auf die Flächen so einigermaßen zuverlässig.

Das dicke Mailing-Package (über dessen Inhalt mir noch so manches auf der Zunge läge, was ich mir in diesem Artikel verkneife) fällt schon auf und klar, es soll zum Öffnen einladen. Und ebenso klar soll die Taschenlampe den psychologischen Effekt der Reziprozität auslösen, also zu einer deutlich höheren Responsequote und einem höheren ROI führen. Denn auch die Kosten des Mailings dürften bei dieser Beilage nicht gerade gering sein.

So weit, so üblich in der Branche. An Kugelschreiber, Kalender, Adressetiketten und Fotos, Freundschaftsbändchen und Pappkartons habe ich mich mittlerweile abgestumpft gewöhnt. Doch über diese Beilage habe ich mich – und auch die Empfängerin des Mailings – erheblich geärgert: Denn wenn ich das meiste andere Zeugs, anders lässt sich der zur Organisation bezugslose und lieblose Billigst-Kram nicht bezeichnen, einfach in den Papier- bzw. Restmüll entsorgen kann, ist dies mit der Taschenlampe nicht möglich.

Wie schon das kleine Tütchen verrät, muss sie nämlich in den Batteriemüll. Und so sieht das Päckchen sortenrein sortiert aus:

Der Inhalt:

  • Verpackungsfolie
  • Pseudo-Lederhülle
  • Schlüsselring
  • Kunststoff-Halter für die Diode
  • LED
  • Blechschalter
  • Kunststoff-Ring als Batteriehalter
  • Innen-Weichkunststoff als Halter
  • 2 Knopfzellen, Typ LR 1130

Und was passiert in der Praxis mit 98-99,5% aller Spendenmailings, welche an Kaltadressen gehen? Richtig, sie werden weggeworfen.

Und wieviele Leute von diesen 98-99,5% der Empfänger werden diese Lampe

  1. vorschriftgemäß und umweltgerecht über eine Batteriesammelstelle entsorgen lassen?
  2. in den Hausmüll geben?
  3. mit dem Umschlag ungeöffnet ins Altpapier werfen?

Ich vermute mal, dass es im besten Fall 5-10% der Empfänger sein dürften, welche diese Sondermüll-Sendung umweltgerecht entsorgen.

Das halte ich ganz persönlich und subjektiv für eine Sauerei. Denn dieses Mailing ist vermutlich in hoher fünf- bis sechsstelliger Auflage verschickt worden, wenn ich mir die Vielzahl der mit üppigen Beilagen und mageren Inhalten verschickten Mailings dieser Organisation ansehe, welche ich allein aus dem Bekanntenkreis im letzten Jahr erhielt. Das heißt, es werden zigtausende Knopfzellen über den Restmüll oder das Altpapier entsorgt werden. Da ändert auch der nette Aufdruck auf der Folie nicht das geringste daran.

Flurschaden durch Müll-Mailings

Nun ist der Umweltaspekt nur ein (wenngleich für mich sehr wichtiger) Aspekt hier. Grundsätzlich stellt sich bei dieser Art von Materialkonzept, bei welchem der Inhalt zugunsten irgendwelcher Beilagen in den Hintergrund tritt, aber noch eine ganz andere Frage.

Unbestritten ist, dass die Responsequoten bei Beilagen verhältnismäßig hoch sind. Ebenso ist bekannt, dass diese Art von Mailings eine bestimmte Gruppe Spendender anzieht, welche stark auf den “Austauschreiz” reagieren.

Nicht minder beachtenswert finde ich, wenn ich mal den Ruf des Fundraisings in der Öffentlichkeit betrachte, die Wirkung solcher Mailings auf die Nicht-Spendenden. Was lösen diese dicken inhaltsleeren und mit Billigkram gefüllten Umschläge bei den 98-99% der Nichtreagierer aus?

Drei Szenarien kann ich mir für Nichtspender theoretisch vorstellen:

a) Interessantes Thema, aber nicht für mich.

b) Schon wieder Werbung, weg damit.

c) Was für eine Verschwendung, dafür haben sie also Geld …

Und wer schreibt in öffentliche Foren? Nach kurzer Suche bin ich schnell auf einige Forenbeiträge gestoßen, in welchen dieses in verschiedenen Ausprägungen aber durchgängig üppige Materialkonzept der Organisation sehr kritisch betrachtet wird (sowie auf Beiträge von Ortsgruppen, dass sie entgegen der im Mailing suggerierten Aussagen keinen Anteil aus den Einnahmen bekämen).

Ja, die Responsequoten und den ROI können wir messen. Aber wer misst den Grad der Verärgerung, den ein Mailing bei den Nichtreagierern auslöst? Wer misst den langfristigen Flurschaden? Wir jammern unisono über die sinkende Spenderquote in Deutschland. Könnte es sein, dass solche Mailings – zumindest ein winzigkleines Eckchen – dafür mit verantwortlich sind? Zur Eskalationsspirale  bei Spendenmailings hatte ich ja vor fünf Jahren schon einmal gebloggt gehabt …

Nein, diesen Weg halte ich perspektivisch für eine Sackgasse. Und ich ärgere mich. Ziemlich!


Nachklapp, noch vor der Veröffentlichung:

Ja, ich weiß, dass es in “der Szene” nicht gut ankommt, über die Fundraising-Arbeit anderer Organisationen zu schreiben, wenn es nicht in Form von Lob geschieht.

Nein, gemeinnützige Organisationen sind, auch wenn sie inhaltlich hervorragende Arbeit leisten, nicht von der kritischen Begleitung befreit. Das betrifft insbesondere das Feld der Öffentlichkeitsarbeit und Spendenwerbung, welche national und international in hohem Maße unter kritischer Beobachtung steht.

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