Keiner spendet für Miet- und Personalkosten

Spenden Sie für Personal- und Sachkosten? Nein, ich spende für Straßenkinder!
Spenden Sie für Personal- und Sachkosten?
Nein, ich spende für Straßenkinder!

Meine Standardfrage in Einführungsveranstaltungen zum Fundraising lautet: “Ich gebe Ihnen 500 / 5000 Euro. Machen Sie mir einen Vorschlag, was Ihre Organisation damit bewegen würde.”

Nach einer gewissen Aufwärmzeit erhalte ich dann eine ganze Reihe von Wortmeldungen. Meist sind die ersten, die sich melden, Vertreter/innen von stationären Einrichtungen, Wohnheimen etc. Gerade dort ist immer Bedarf nach kleineren und größeren Anschaffungen. Und die Teilnehmer können ihren Bedarf auch gut begründen.

Wenn ich dann die anderen Teilnehmer nach ihren Bedarfen frage, höre ich fast sicher folgendes: “Unsere Kosten bestehen zu 90 Prozent aus Personal- und Mietkosten. Das ist so unattraktiv, da spendet uns keiner etwas.”

Mit der ersten Aussage treffen die Seminarteilnehmer den Nerv: In sehr vielen Organisationen, welche hauptamtliche Mitarbeitende haben, sind die Personalkosten der mit Abstand größte Posten auf der Rechnung. Und – da stimme ich den Teilnehmenden zu – es ist für Spenderinnen und Spender nicht so attraktiv, hierfür zu spenden. Gleiches gilt natürlich auch für Mieten, Fahrzeugunterhalt und ähnliche Infrastrukturbedarfe.

Ja, als Spendende geben wir am liebsten direkt für Bedürftige, für die schützenswerte Natur oder besonders begabte Jungmusiker.

Sinn und Vertrauen schlagen Transparenz

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Seit Jahren werben wir mit der Arbeit für Straßenkinder. Ein Thema, welches nahelegen würden, dass die Spenden direkt bei den Bedürftigen landen. Doch in diesem wortwörtlichen Sinne tun die Spenden dies nicht. Die Spenden “landen” nicht bei  Straßenkindern, sondern sie “kommen ihnen zugute”. Und zwar primär  in Form professioneller sozialarbeiterlicher Unterstützung und in Form von Notübernachtungsplätzen und Wohnheimen.

Ich schreibe in Mailings, dass wir Jahr für Jahr rund 140.000 Euro Eigenmittel (neben öffentlichen Zuschüssen und Entgelten) für unsere Straßenkinderarbeit benötige und wir Jahr für Jahr rund 700 junge Menschen im Großraum Stuttgart erreichen. Die Milchmädchenrechnung sähe nun so aus, dass auf jedes “Straßenkind” ein Betrag von 200,- Euro entfiele, ihm 200,- Euro zugute kämen.

Die 140.000 Euro sind aber schlichtweg der Abmangel unserer Raum-, Personal- und Sachkosten, der durch öffentliche Mittel nicht gedeckt ist. Mit anderen Worten: Wir bitten um Spenden für – die angeblich doch so unattraktiven – Personal- und Infrastrukturkosten.

Und natürlich wissen Spenderinnen und Spender auch ganz genau, dass eine diakonische Einrichtung durch qualifizierte Mitarbeitende wirkt. Aber ihnen ist in diesem Beispiel eines wichtig: dass wir weiterhin in der Lage sind, jährlich 700 jungen Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße wirkungsvoll zu helfen. Und das ist die entscheidende Botschaft, welche wir seit Jahren vermitteln. Nur Dank vieler Spenden, sind wir in der Lage, 700 “Straßenkindern” auf dem Weg ins normale Leben zu begleiten.

Transparenz tötet Phantasie: Es ist wie in der Erotik. Das “Knistern” stellt sich nur ein, wenn nocht etwas “verhüllt” bleibt, Überraschung stattfindet.

Wie sähe denn ein wahrhaftiger transparenter Spendenaufruf auf?

Wir benötigen 140.000 Euro, denn…

  • öffentliche Zuschüsse benötigen einen Eigenmittelanteil von x%,
  • entgeltfinanzierte Dienste sind durch die Tarifabschlüsse und die Übernahme in den AVR um y% unterfinanziert,
  • Mitarbeitende sind nach Stufe xyz/TvöD/AVR Württemberg eingestuft,
  • wir arbeiten nach folgenden pädagogischen Konzepten in einem von uns für sinnvollgehaltenen und extern fiananzierten Mix beratend, ambulant, stationär,

Kurzum: Um wirklich transparent zu sein, würde es also nicht langen, einfach zu sagen, wir benötigen Spenden für Personal und Infrastruktur. Wenn wir über Transparenz sprechen, dann sprechen wir immer auch über Einschränkung der Transparenz. Denn ein Zuviel an Informationen führt auch wieder zur Intransparenz. Deswegen haben wir zum Beispiel eine GuV oder eine Bilanz und weisen nicht jede Zahlung einzeln aus.

Im Fundraising interessiert uns Spenderinnen und Spender doch primär das Eine: Wird der Zweck, für welchen ich spende, wirkungsvoll erreicht. Und das ist die Botschaft, welche wir zu vermitteln haben.

“Ja, Ihre Spende macht einen Unterschied.” “Ja, Ihre Spende hilft, dass wir anderen helfen können.” “Wir haben die Fähigkeiten und die Erfahrung zu helfen.”

Das sind die zentralen Botschaften. Und diese müssen wir im Fundraising verwenden. Ob die Hilfe mittelbar durch Personal, Häuser etc. erfolgt, ist doch in der Praxis nur am Rande interessant. Im vielstimmigen Klang der Spendenbitte müssen wir mit Wirksamkeit und mit Vertrauen in unsere Kompetenz werben.

Also: Bitten Sie nicht mit dem Argument, dass Ihnen 20.000 Euro für eine halbe Sozialarbeiterinnenstelle im Frauenhaus fehlt. Bitten Sie um die 20.000 Euro, damit Sie auch im laufenden Jahr wieder x Frauen beraten und schützen können. Denn das ist es, was zählt!

NB: Und es hindert Sie niemand daran, einen transparenten Jahresbericht zu erstellen, in welchem Sie Ihre Zahlen, Ihre Finanzierungsstruktur veröffentlichen.

 

3 Gedanken zu „Keiner spendet für Miet- und Personalkosten“

  1. Lieber Kai,

    ich finde Deine Erläuterung und vor allem Deine Frage für die Teilnehmer Deiner Seminare fabelhaft!
    Allerdings habe ich ein kleines Problem mit deiner “Grafik”: Das Element Botschaft passt für mich nicht. Die Botschaft muss doch hin zum Spender. Der Spender schickt doch keine Botschaft an die Straßenkinder, sondern der Fundraiser führt eine Übersetzungsleistung durch, indem er das Problem übersetzt und die Botschaft “Mit Ihrer Spende helfen Sie Kinder von der Straße weg zu kommen” an die Spender schickt. Oder habe ich Deine Grafik falsch verstanden? Bitte um Aufklärung.

    Mit kollegialem Gruß
    Christian

    1. Lieber Christian,
      danke für Deine Rückmeldung. Die Frage kam mir selber auch schon, als ich mir die kleine Zeichnung mit etwas Abstand nochmals ansah. Gemeint ist damit aber, dass wir als NGO die Botschaft vermitteln, die Spende kommt den Hilfesuchenden zugute.
      Vielleicht fällt mir noch eine eindeutigere Zeichnung ein – aber das ist nicht so meine Kernkompetenz 😉
      Viele Grüße
      Kai

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