Seid entbehrlich!

Das kannst Du nicht. - Dann zeig's mir!
Das kannst Du nicht. – Dann zeig’s mir!

Wir werden gerne gebraucht

Ach, wie schön und befriedigend kann es sein, wenn man gebraucht wird. Wir Menschen sind einfach soziale Wesen und ziehen in den meisten Fällen Bestätigung und Selbstbewusstsein auch aus dem Miteinander mit Anderen. Klar, so völlig ohne Dritte kann praktisch niemand existieren. Dazu zählt auch, wenn man im Berufsleben einer sinnstiftenden, ausfüllenden Tätigkeit nachgeht und weiß, dass man in seinem Job benötigt wird. Das eigene Wissen erweitert sich, steigt mit den gemeisterten Herausforderungen und der Erfahrung. Wir sind gerne kompetent, wir schätzen kompetente Kolleginnen und Kollegen.

Die Kehrseite – Abschottung und Herrschaftswissen

In Gesprächen mit Mitarbeitenden – nicht nur Fundraisern – aus sozialen Organisationen, stoße ich regelmäßig auf das Phänomen, dass sich Wissen bei einzelnen Personen “ballt”. Ein Standardsatz lautet: “Das kann Ihnen nur Herr/Frau X beantworten. Der/die ist aber bis zum Monatsende im Urlaub.” Oder es wird über Kollegen geklagt, welche sorgfältig darauf achten, dass niemand in ihren Arbeitsbereich eindringt, die keine Vertretung akzeptieren und lieber nach dem Urlaub vor einem Berg liegengebliebener Arbeit stöhnend den Alltag beginnen.

Wenn ich höre, dass jemand unentbehrlich ist, dass schwanke ich regelmäßig zwischen Ehrfurcht und Erschaudern. Oft ist wirklich die Leistung dieser Personen zu bewundern. Doch es kommt in meinem Kopf die Frage auf, ob zu den gelobten und geschätzten persönlichen Fähigkeiten, nicht auch die Kompetenz gehören muss, sich entbehrlich zu machen.

Herrschaftswissen, Unwille oder Unfähigkeit zur Delegation, das Gefühl der eigenen Unentbehrlichkeit, die Überzeugung nur man selber könnte eine Aufgabe richtig erledigen … all das sind im Alltag einer Organisation höchst problematische und im Fall der Fälle schädliche Erscheinungen.

Denn was geschieht nun, wenn solch eine unentbehrliche Person doch einmal ausfällt? Wer weiß, wie gebucht wird? Wer kennt die Passwörter für den facebook-Zugang? Wer hat die Kundendaten, welche nur im Kopf gemerkt wurden? Was bedeutet es im schlimmsten Fall, wenn jemand überraschend ausfällt?

Auch beziehungsorientierte Fundraiser müssen ersetzbar sein

Ich finde, dass zu einem verantwortungsvollen beziehungsorientierten Fundraising gehört, sich ersetzbar zu machen. Und das betrifft erst einmal jede Funktion im Fundraising-Prozess. Das beginnt mit den Tätigkeiten im Sekretariat, den Buchungsvorgängen, der Pflege des Web-Auftritts, der Mailing-Entwicklung und endet bei der persönlichen Beziehungspflege.

Auch im beziehungsorientierten Fundraising geht es nicht in erster Linie um die Beziehung der Einzelperson zu den Freunden und Förderern. So wichtig und manchmal intensiv diese persönliche Beziehungspflege im Einzelfall auch aussehen mag, im Zentrum muss die Beziehung zwischen Förderer und geförderter Organisation stehen.

Entbehrlich zu sein entspannt

Die meisten Ängste vor dem Gefühl, dass andere die eigenen Aufgaben übernehmen könnten, treten gerne bei Menschen auf, die sich als Person oder in ihrer Aufgabe noch unsicher fühlen. Das Gefühl, unentbehrlich zu sein, kann Sicherheit verleihen. Aber es geht auch anders.

  • Wer seine Aufgaben transparent macht und sich mit einer Vertretung abstimmt schafft den Raum für seine persönliche und fachliche Weiterentwicklung. Vier Augen sehen mehr, zwei Personen haben mehr Ideen, wie eine Aufgabe vielleicht auch besser erledigt werden kann. Damit steigt die Qualität der Aufgabenerledigung auf ein neues Niveau.
  • Vertretung entspannt. Wer weiß, dass nach dem Urlaub die wichtigsten Aufgaben erledigt wurden, gönnt sich diese Auszeit mit gutem Gewissen und in ausreichender Länge. Gerade Führungskräfte neigen sonst dazu, ihren Jahresurlaub in homöopatischen Dosen zu nehmen, um ja keine längere Präsenzlücke aufkommen zu lassen.
  • Wer Aufgaben auch abgeben kann, sorgt für die notwendigen Freiräume, um sich neuen und vielleicht auch attraktiveren Aufgaben widmen zu können. Es ist die Chance, aus dem alten Trott zu entfliehen und im gleichen Job neue Ufer zu erreichen. Es muss nicht immer ein Jobwechsel sein!

Und seien wir mal ehrlich. So sehr wir uns ja selber wertschätzen … aber sind unsere Fähigkeiten wirklich so singulär auf weiter Flur? Können wir das, was wir selber in den letzten Monaten oder Jahren gelernt habe, nicht doch in den wichtigsten Zügen weitergeben? Wenn wir kündigen, klappt es doch auch – oder?

Oder um es kurz mit einem – angeblich alten irischen – Zitat zu sagen:

“Die Friedhöfe sind voller Menschen, ohne die die Welt nicht leben konnte.”
(Heinrich Böll, “Irisches Tagebuch”)

Ach ja, jegliche Ähnlichkeit mit Parallelen in der Kindererziehung sind rein zufällig … Wer seinen Kids nichts zutraut, wird sie genau in dieser Unselbständigkeit belassen.

 

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