Rezension: Großspenden-Fundraising – Wege zu mehr Philanthropie

80:20 – das klassische Pareto-Prinzip. Nach diesem Verhältnis verteilen sich in vielen gemeinnützigen Organisationen die Zahl der Spendenden zur Höhe der gespendeten Beiträge. 80% der Spender/innen geben 20% der insgesamt eingeworbenen Spenden. Und rund 20% der Spender/innen sind kommen für 80% der Spendeneinnahmen auf. Ob es nun im Einzelfall 80:20, 70:30 oder 90:10 ist, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass in den meisten spendensammelnden Organisationen eine vergleichbare Relation sichtbar ist. Und damit wird auch schlagartig klar, warum die Arbeit mit Großspender/innen so häufig als die Königsdisziplin im Fundraising bezeichnet wird.

Dr. Marita Haibach und Jan Uekermann sind beide langjährig erfahrene Praktiker im Großspenden-Fundraising mit völlig unterschiedlicher Biographie – auch in dieser Disziplin. In dem von ihnen gegründeten Major Giving Institute bilden sie seit 2013 erfahrene Fundraiserinnen und Fundraiser zu Großspendenfundraiser/innen aus. Aus der Konzeption und den umfangreichen Kursmaterialien heraus ist nun das vorliegende Buch “Großspenden-Fundraising – Wege zu mehr Philanthropie” entstanden.

Als Teilnehmer im Kurs I der Ausbildung erkenne ich viele der damals verteilten Kursmaterialien im Buch wieder. Alles andere wäre nun auch verwirrend. Aber es ist weit mehr als ein kursbegleitendes Skript geworden, sondern das Buch hat eine völlig eigenständige Qualität.

Grundlagen, Strategien und praktische Umsetzung lautet der Untertitel und das trifft den Inhalt sehr genau. Theoretische Reflektionen, lehrbuchartige Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Praxisbeispiele bilden eine sehr lesenswerte Mischung. Sehr positiv fallen mir die immer wieder eingestreuten Beispiele aus unterschiedlichen Organisationen auf, welche auf der Grundlage von Gesprächen der Autoren mit Großspenden-Fundraisern verfasst wurden. Das erinnert an das Handbuch Fundraising von Marita Haibach, in welchem dieser anschauliche Stil auch schon gepflegt wurde. Für den Leser bietet das die Chance, ggf. direkt bei der erwähnte Organisation nach vertiefenden Informationen nachzufragen. Unter Fundraisern ist der Austausch bei aller Konkurrenz ja meist recht kollegial.

Für Fundraising-Einsteiger ist das Buch vermutlich eine Nummer zu hoch angesiedelt. Dafür sind die Praxiskapitel doch nicht detailliert genug ausgeführt, was an einzelnen Stellen durchaus bedauerlich ist. Im Kapitel Prospect Research wird zum Beispiel auf “diverse Datenbanken” verwiesen, ohne dass einmal 3-7 exemplarisch genannt, beschrieben oder bewertet werden. An diesen Punkten wären etwas weniger allgemeine Beschreibungen und mehr ganz praktische Hinweise hilfreich. Im Großen und Ganzen finde ich als Praktiker/in mit etwas Erfahrung darin jedoch eine wahre Fundgrube an Anregungen, um das eigene Großspenden-Fundraising konzipieren und reflektieren zu können. Und das ist wahrlich keine leichte Aufgabe – ist ein großer Stolperstein doch bereits die Identifikation von großspendertauglichen Projekten/Maßnahmen und deren Aufbereitung.

Wermutstropfen ist für mich als bibliophilen Menschen die graphische Gestaltung des Buches. Es wirkt schon sehr nach einer in Word erstellten Studienarbeit mit dem großen Zeilenabstand, den Tabellen in zu dünner Schrifttype und dem ermüdend zu lesenden, sich über Seiten hinziehenden, monotonen Blocksatz. Da wirkt es dann wieder mehr wie ein Studienbuch und lädt ein, markante Stellen zur Hervorhebung mit Textmarkern zu malträtieren.

Unterm Strich ist Marita Haibach und Jan Uekermann ein Meilenstein in der deutschen Fundraising-Literatur gelungen. Es ist nicht nur “ein”, es ist “das” Buch zum Großspenden-Fundraising geworden. Und es ist schwer vorstellbar, dass es in absehbarer Zeit ein ähnliches Buch mit diesem Schwerpunkt und in dieser umfassenden inhaltlichen Qualität geben wird.

Haibach, Marita/Uekermann, Jan: Großspenden-Fundraising – Wege zu mehr Philanthropie, Verlag Fundraiser-Magazin GbR, Dresden, 2017

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