Rezension: Generation Y - wie wir glauben, lieben, hoffen

Rezension: Generation Y – wie wir glauben, lieben, hoffen


Wie kommt ein Buch über die Glaubensvorstellungen einer Generation auf die Rezensionsliste im Fundraising-Knigge? Nun, als Fundraiser*in geht es ohne fundiertes Wissen, wie Menschen “ticken”, einfach nicht. Wir sind weit mehr Psychologen und Soziologen als Betriebswirte, auch wenn Außenstehende oder Vorstände das oftmals nicht sehen (wollen).

Als Generation Y werden diejenigen bezeichnet, welche zwischen 1980 und 1999 geboren sind, heute also zwischen 18 und 37 Jahre alt sind – was auch schon eine ganz ordentliche Altersspanne darstellt.

Die Theologin und Autorin Stephanie Schwenkenbecher und der Theologe und ZEIT-Journalist Hannes Leitlein haben – beide gehören dieser Generation an – auf Anregung des Neukirchener Verlages diese Buch verfasst und dazu recherchiert. Da wir im Fundraising immer wieder über junge Menschen als Zielgruppe sprechen und andererseits religiöse Motive oder Prägungen für eine Spendenentscheidung hoch relevant sind, war ich auf das Buch sehr gespannt. Und als empirischer Dipl.-Soziologe mit Schwerpunkt Soziologie der Lebensalter interessiert es mich sowieso.

Das Buch besteht aus vier Abschnitten:

  • Die Umfrage: 157 Menschen wurden via Twitter und Facebook über eine kleine Umfrage mit sechs persönlichen Fragen zum eigenen Glauben erreicht. Fragen sind z.B.: “Wie hast Du Dir Gott vorgestellt, als Du klein warst?”, oder “Wie lässt sich ‘nur noch schnell die Welt retten’?”
    Wie die Autoren mehrfach klar machen, kann und soll diese Umfrage keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Es geht eher um ein Stimmungsbild, ein Kaleidoskop. Und wie auch klar und betont wird, kann damit kein Generationenbild gezeichnet werden, denn letztendlich blieb die Umfrage doch in einer sehr überschaubaren, sehr christlich geprägten “Filterblase”. Es gab keine außerchristlichen Antworten von Gläubigen anderer Religionen, Atheisten oder Agnostikern.
  • Die Portraits: 9 Menschen zwischen 25 und 35 werden ausführlich portraitiert. Wir erfahren von der religiösen Sozialisation, biografischen Wendungen und Brüchen und welche Rolle der Glaube im ihrem Alltag spielt.
    Diese Texte sind sehr schön und in sich stimmig zu lesen. Hier fällt besonders die journalistische Kompetenz der Autoren auf, welche die sicher sehr unterschiedlichen Gespräche in einem lesenswerten Guss präsentieren. Hier sind die Ansichten nicht so stark wie im ersten Teil durch die Autoren kommentiert und kommen ungefilterter an.
  • Netzwerke junger Christen: 9 regionale Netzwerke / Gemeinden junger Christen stellen sich anhand vorgegebener Leitfragen den Lesenden auf 3-7 Seiten vor. Diesen Teil habe ich am wenigsten gelesen, da mir diese Selbstdarstellungen zu wenig über die Generation Y verrieten, sondern nur, wie junge Gemeinschaften ihre Angebote konzipieren. Und das sieht dann doch sehr unterschiedlich aus. Interessanterweise wurden diese auch nicht durch die Autoren in irgendeiner Weise eingeordnet, bewertet oder in einen Kontext gestellt. So bleibt dieser Teil mir fremd.
  • Blick von außen: Fulbert Steffensky (Theologe, Jg ’33) und Christina Brudereck (Theologin, Predigerin, Jg. ’69) führten ein E-Mail-Gespräch über die Ergebnisse des Buches. Vielleicht ist es für Kenner der beiden ein “Bonbon”, für Außenstehende wie mich wirkte es etwas befremdlich. Der teilweise altväterliche Tonfall von Steffensky ist nicht mein Geschmack und das Gespräch brachte auch keinen Erkenntnisgewinn. Es ist dann doch eher banal, dass die Sozialisation mit Jahrgang ’33 anders ist als mit Jahrgang ’90.

Es wäre spannend gewesen, wie diese kleine Untersuchung ausgesehen hätte, wenn nicht Angehörige der eigenen Generation diese Umfrage gestartet und interpretiert hätten. Es ist schwer zu sagen, welche Filter an welcher Stelle wirkten, vor welchem Hintergrund welche Einschätzung getätigt wird. Mir, als Angehörigem der Generation X, 1968 geboren, kam sehr vieles sehr bekannt vor. Viele Fragestellungen und Einstellungen scheinen mir nicht spezifisch für diese Generation, sondern für diese Altersspanne, die Lebensphase zu sein.

Die Reichweite der Ergebnisse ist nun sehr überschaubar. Die befragte Gruppe, sehr glaubensorientierte Menschen zwischen 18 und 37, steht für eine in meiner Einschätzung sehr kleine Population innerhalb der Generation Y. Das betrifft nicht nur die christliche Glaubensorientierung, sondern auch die Frage nach Bildungsgrad / Gesellschaftsschicht. Es ist natürlich legitim und üblich, eine auch mal kleine Teilpopulation in den Blick zu nehmen. Aber dann gehört ein einordnender Blick dazu, welcher Teil der Bevölkerung eigentlich betrachtet wird und wie er sich zum Beispiel zahlenmäßig zum Rest der Grundgesamtheit verhält.

Zielgruppe des Buches sind sicher in besonderem Maße christliche Gemeinden aller Konfessionen, welche sich fragen, ob und wie sich junge Menschen für das Gemeindeleben begeistern lassen. Dies wird auch in etwa so formuliert und als zentrale Antwort lese ich heraus, dass Gemeinde vermehrt kurzfristige Engagementmöglichkeiten bieten müssen. Die auf Dauer und Kontinuität ausgerichteten ehrenamtlichen und wahlamtlichen Strukturen lassen sich mit der auf Flexibilität ausgerichteten Lebenswirklichkeit jüngerer Menschen schwer zur Deckung bringen. Aber auch das scheint mir, gerade wenn ich mir die junge Menschen mit Studium vorstelle, nicht anders zu sein, als in meiner Generation.

Aus Fundraising-Sicht fand ich die Frage “Wie lässt sich ‘nur noch schnell die Welt retten’? recht spannend. Und die Antworten enttäuschten mich dann doch etwas. Von einfachen Tipps wie “regional Einkaufen” bis zu Resignation (Retten kann sie nur Gott; Wir sind zu klein) ist das überschaubare Spektrum. Das ist schon sehr unpolitisch und hier sehe ich, dass das Ergebnis diese kleine Umfrage sich vielleicht doch mit den repräsentativen Befunden einer eher unpolitischen Generation deckt. Diese Generation ist sicher nicht leicht zu erreichen, es scheint die Grundempörung zu fehlen, welche die Mobilisierung für soziale Zwecke doch sehr erleichtert. Den Mut zu vermitteln, dass man auch als Einzelne und Einzelner etwas bewegen kann – auch mit Spenden – das scheint unsere Bildungsaufgabe für diese Generation zu sein.

Das Fazit für Kirchengemeinden kann für soziale Organisationen sicher analog gelten. Wer diese Altersgruppe für freiwilliges Engagement gewinnen möchte, muss zeitlich begrenzte Beteiligungsformen finden. Und wie die Autoren betonen, braucht es eine ordentliche Willkommens- und Abschiedskultur. Wir haben es hier mit Menschen auf der “Durchreise” zu tun.

Der Titel des Buches “Generation Y – wie wir glauben, lieben, hoffen” hat mich im Verlauf der Lektüre immer wieder geärgert. Denn es ist einfach kein Generationenbild, wenn überwiegend bis ausschließlich sehr gläubige Menschen befragt und portraitiert werden. “Christen in der Generation Y” wäre ein ehrlicher Titel gewesen.

Mein persönlicher Gewinn waren ganz klar die Portraits. Sie spiegeln eine spannende Bandbreite wieder und enthalten sehr persönliche und ungefilterte Aussagen über den Glauben. Das ist im Alltag nur sehr selten erlebbar. Man kann heute über fast alles sprechen, aber das persönliche Gottesbild gehört sicher nicht dazu. Aufgrund der Portraits kann ich das Buch allen empfehlen, welche diesen Teil der Generation Y kennenlernen wollen, sich für andere Menschen interessieren.

Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein: Generation Y – wie wir glauben, lieben, hoffen; Neukirchener Verlag; 2017.

Das Buch wurde mir freundlicherweise auf meine Anfrage hin vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.