Rezension: Das Crowdfunding-Handbuch

cfbuch_cover1Leicht verdientes Geld, könnte man meinen, liest man manche euphorische Erfolgsgeschichte aus der Welt des Crowdfundings: Ein geckiges Produkt, eine Plattform, dazu ein kurzes Smartphone-Werbevideo und zwei Monate später findet sich ein fünfstelliger Betrag auf dem Girokonto. Das Ganze garniert mit einigen Follower-Chats und zwei bis drei coolen Newslettern. Wenig Arbeit, viel Geld – der Stoff, aus dem so mancher Traum gestrickt ist.

Doch die Realität im Crowdfunding sieht anders aus: akkurate Planung, viel Zeit im Vorfeld der Kampagne, hohes Engagement bis hin zum Vollzeit-Job während der Kampagne, Durchhänger überwinden, Trouble-Shooting, Steuerfragen lösen, hunderte Gegenleistungs-Päckchen packen und versenden etc.

Ja, Mittel für ein Projekt, eine Dienstleistung, ein Produkt etc. via Crowdfunding einzuwerben ist richtige Arbeit. Dass extrem viel Planung in solch einer Kampagne stecken muss, ist vielen im Vorfeld nicht bewusst. Etwa 50% der deutschen Crowdfunding-Kampagnen scheitern daher auch.

Crowdfunding, oder auf Deutsch »Schwarmfinanzierung«, ist noch eine recht junge Disziplin, um die Finanzierung (oder Teilfinanzierung) eines Projektes durch eine Vielzahl von Unterstützern (der Crowd) zu stemmen. Dabei wird – anders als bei einer Spende – eine Gegenleistung für die Unterstützung zugesagt. Jedoch sind auch ideelle Gegenleistungen möglich.

Ulrike Sterblich erklärt im »Crowdfunding-Handbuch« ausführlich und unterstützt von Crowdfunding-Pionieren von Startnext (der größten Plattform für diese Finanzierungsform in deutschsprachigen Raum), den Weg zur erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne. Ja, Ideen lassen sich gemeinsam finanzieren, wenn man weiß, wie es geht.

Das Crowdfunding-Handbuch verdient den Titel Handbuch zu Recht. Wer sich mit der Idee einer Crowdfunding-Kampagne trägt, dem ist dieses Buch sehr zur Lektüre empfohlen. Die Mischung aus fundierten Praxistipps, 18 Kurzinterviews mit erfolgreichen Crowdfundern und die systematische Darstellung des Crowdfunding-Prozesses ist ausgesprochen gelungen. Es macht Spaß, das Buch zu lesen, an der Expertise der Autorinnen und Autoren teilzuhaben und sich den einen oder anderen Link parallel anzusehen.

Das Thema »Vorbereitung der Kampagne« nimmt den größten Teil des Buches ein. Zu Recht, denn Crowdfunding ist in erster Linie eine detailliert geplante Kampagne, ein wesentlicher Teil der Arbeit findet statt, bevor die Öffentlichkeit von dem Projekt erfährt. Konzeptionelle Fehler, welche im Vorfeld der Kampagne begangen werden, sind schwer einholbar.
Das Buch ist konkret und praxisnah verfasst. Punkte, die ich mir bei der Lektüre notierten, waren:

  • Es gibt eine Vielzahl, teil sehr spezialisierter Crowdfunding-Plattformen und es lohnt sich, diese auf den eigenen Bedarf hin abzuklopfen.
  • Der über Crowdfunding eingeworbene Betrag muss als Brutto-Summe gesehen werden. Abgänge bis zum Netto-Betrag sind insbesondere die Kosten für die Plattform und Zahlungsdienstleister (6-10%), Preis und Porto für die Gegenleistungen, sowie Steuern. Aber auch eigene Kosten, zum Beispiel der mögliche Verdienstausfall während einer Vollzeit durchgeführten Kampagne, sind einzuberechnen.
  • Facebook ist ein Hauptzubringer für eine Crowdfunding-Kampagne.
  • Idealerweise wird eine Fanbase bereits vor der Kampagne aufgebaut.
  • Kein Bestandteil darf zu locker genommen werden, weder die Vorbereitung, noch die Kampagne selber und zuletzt der – oft aufwändige – Versand der Gegenleistungen.
  • Der Pitch-Film ist das zentrale Element der Kampagne und sollte idealerweise zwischen 1:30 und 2:20 Minuten lang sein.
  • Es gibt Faustformeln, welche Anzahl von Besucher auf einer Kampagnen-Website zu welcher Anzahl an Unterstützern führt.
  • Es lässt sich viel von laufenden und gelaufenen Crowdfunding-Kampagnen lernen. Es lohnt sich, auf den Crowdfunding-Plattformen einen Blick in den Verlauf erfolgreicher Kampagnen zu werfen. Dort findet man auch Anregungen für Gegenleistungen, welche gut angenommen werden.

Crowdfunding hat mit Fundraising erst einmal nichts zu tun. Das Prinzip Leistung/Gegenleistung hält dem Gemeinnützigkeitsrecht nicht stand, Spendenbescheinigungen dürfen bei werthaltigen Gegenleistungen nicht ausgestellt werden. Im Gegenteil, eine NGO muss sich schnell im Steuerrecht firm machen, um nicht im Dickicht aus Unternehmenssteuern, Freibeträgen und Mehrwertsteuersätzen Fehler zu begehen. Trotzdem können wir Fundraiser vom Handbuch Crowdfunding profitieren. Denn jede erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne schafft etwas, an welchem viele Nonprofit-Organisationen scheitern:

  • einen klaren Bedarf nachvollziehbar zu benennen;
  • eine Online-Fanbase/-Community aufbauen und pflegen;
  • eine Kampagne über zwei Monate stabil halten und nicht alles Pulver zu Beginn verschießen;
  • ein kurzes, motivierenden und stimmiges Kampagnen-Video drehen;
  • mit Förderern auf Augenhöhe kommunizieren.

Das Buch wird durch eine Website begleitet, auf welcher sich noch diverse Vorlagen (Kalkulation, Vollmacht, Rechnung, Lieferschein etc.) finden, sowie hilfreiche Links.

Ulrike Sterblich, Tino Kreßner, Anna Theil, Denis Bartelt: Das Crowdfunding-Handbuch – Ideen gemeinsam finanzieren, Freiburg, orange-press (2015)

Hinweis: Danke dem Verlag, der mir diesen Band als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte.

Die Rezensionen in meinem Blog sind echte Rezensionen, d.h. ich lese das Buch und schreibe meinen Eindruck und die für die Lesenden wichtigsten Botschaften zusammen. Ich schreibe keine Klappentexte oder vorgefertigten Meldungen ab.
Der Fundraising-Knigge ist ein seit 2011 aktiver und meinungsbildender deutschsprachige Fachblog zum Thema Fundraising und wird von Fundraiser/innen aus dem D-A-CH-Raum gelesen.
Über die – unverbindliche – Zusendung von Rezensionsexemplaren durch Verlage / Autoren freue ich mich.

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