Referent oder Sprecher?

Bringt mich ein Referent meinem Ziel näher? Die Kernfrage vor einem Seminarbesuch!
Bringt mich ein Referent meinem Ziel näher? Die Kernfrage vor einem Seminarbesuch!

Die Weiterbildungs-Szene weitet sich nach meinem Eindruck derzeit. Vom Fundraising-Kongress geht es über die regionalen Fundraising-Tage zu einzelnen Tagesseminaren einer steigenden Anzahl von Anbietern. Und so findet sich mittlerweile für viele Spezialthemen des Fundraisings ein maßgeschneidertes Fortbildungsangebot bzw. Seminar im Rahmen einer Tagung.

Nun ist wieder die Qual der Wahl angesagt, welches Angebot wirklich den Besuch lohnt. Denn sowohl Zeit als auch Fortbildungs-Budget sind limitiert. Vor eineinhalb Jahren hatte ich darüber bereits einmal einen Beitrag geschrieben und abgeraten, ein Seminar anhand des Titels zu belegen (Merke: Don’t judge a book by its cover.). Daran musste ich denken, als ich folgendes las:

Rolf Dobelli beschreibt in seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ auf S. 55 im Kapitel „Das Chauffeur-Wissen“ eine angeblich historische Szene: Max Planck hält als Nobelpreisträger deutschlandweit identische Vorträge über seine Theorien. Sein Chauffeur wohnt diesen immer bei. Einmal schlägt jener vor, doch die Rollen zu tauschen, er könne den Vortrag auch auswendig. Planck solle sich mit der Mütze als Chauffeur verkleidet dazu setzen. Dieser geht amüsiert darauf ein. Der Chauffeur hält nun souverän den Vortrag, doch bei der ersten Zwischenfrage verweist er mit dem Hinweis „Die Frage wäre so simpel, die könne sogar sein Chauffeur beantworten“, auf Planck.

Diese kleine Geschichte von Dobelli illustriert eingängig den Unterschied zwischen angelesenem Wissen und dem Wissen aus eigener, reflektierter Forschungspraxis.

Auch ich wurde schon gefragt, über das eine oder andere Thema bei einer Fortbildung zu referieren. Aber bisher sage ich nur dann zu, wenn ich mich wirklich sicher auf dem angefragten Gebiet fühle. Und diese Sicherheit habe ich persönlich nur dann, wenn sie aus einer längeren praktischen Beschäftigung mit dem Thema resultiert. Klar, man kann sich vieles anlesen (oft auch nur spekulativ Geschriebenes) und dann – in eigene Worte – gefasst, als Powerpoint-Präsentation auf die Wand werfen und als Wahrheit im Fundraising verkaufen. Doch spannender als das „Ergebnis“ ist doch häufig das „Wie“. Wie kam es zum Ergebnis, welche Irrwege wurden gegangen, wo war der glückliche Zufall im Spiel, welche Randbedingungen müssen für welchen Fall gelten, …?

Ein schon sehr alter Spott sagt: Es gibt viele Philosophie-Professoren, aber nur wenige Philosophen. Wir müssen die einen von den anderen unterscheiden.

 

Authentische Referenten

Mir geht es so, dass ich mittlerweile versuche, nur noch in Seminare zu gehen, bei welchen ich Referentinnen / Referenten erlebe, welche aus eigenem Erleben berichten können. Das Recherchieren der Vita kostet mich mehr Zeit, als das Seminarprogramm zu studieren. Mich stressen Referenten, welche zigfach in der Fachliteratur beschriebene Inhalte wiederkäuen, ohne einen eigenen Gedanken, eine eigene Erfahrung bereichernd hinzuzugeben. Das passierte mir sogar beim letztjährigen Internationalen Fundraising Congress einmal, als ich einem Partner einer großen internationalen Agentur zuhörte. Ich mag keine „Nachrichtensprecher(innen) mehr hören, welchen schon bei der ersten Nachfrage die Puste ausgeht und die sich dann oft nicht scheuen, mir irgendetwas aus dem Bauch heraus zu erzählen.

Solche Erlebnisse erlebe ich bei Menschen, welche wirklich sattelfest in ihrem Thema sind, nur selten. Die sagen mir meist ganz klar, wo ihre Grenzen sind, was sie noch nicht probiert haben bzw. wo sie jetzt auch spekulieren müssten. Ich nenne diese Referentinnen und Referenten authentisch. Authentisch bin ich als Referent dann, wenn ich nicht nur mein Wissen kenne, sondern wenn ich vor allem auch meine Grenzen bzw. die Grenzen meiner Erkenntnis kenne.

Fazit: Wer wirklich von einem Seminar / einem Workshop  profitieren möchte, sollte sich klar werden, ob der Referent bzw. die Referentin nur (angelesenes) Wissen doziert oder aus eigener gelebter Erfahrung bzw. intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema authentisch berichtet.

PS: Ich meine mit diesem Beitrag keine speziellen Referentinnen oder Referenten. Wer sich – zu unrecht – angesprochen fühlt, ist sicher nicht angesprochen. Wer sich allerdings ertappt fühlt, tut dies im Zweifelsfall zu Recht.

PPS: Der Preis einer Fortbildung sagt noch nichts über ihre Güte aus. Ebenso ist das Kriterium angestellte Fundraiser / Agentur-Fundraiser nicht trennscharf.

PPPS: Und natürlich betrifft dies auch die Inhalte in diversen gedruckten und online verfügbaren Veröffentlichungen, Websites oder Blogs.

 

Mehr Gedanken dazu im Artikel: Mut zur Case Study!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.