Plakative Ethik, die niemandem hilft

So, sie tun’s mal wieder: öffentlichkeitswirksam auf Geld verzichten. Dieses Mal auf Mittel der EU und der Bundesrepublik Deutschland. Wie “Ärzte ohne Grenzen” heute mitteilen, werden sie aus Protest gegen die Abschottungspolitik der EU gegenüber Flüchtlingen, ab sofort auf die Beantragung und Annahme von Mitteln der EU und ihrer Mitgliedsländer (+ Norwegen) verzichten.

https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/aerzte-ohne-grenzen-stopp-eu-gelder

Zitat:

Die Organisation verzichtet damit auf Finanzierungen in Höhe von derzeit rund 50 Millionen Euro jährlich und setzt verstärkt auf Privatspender.

Ach wie schön ist es doch, wenn man es sich moralisch so leicht machen kann. Gut, dass es Privatspender gibt. Und die 50 Millionen können dann ja anderen Haushaltspositionen zugute kommen, E-Auto-Prämien oder Flughafenbauten.

Ja, Protest ist gut und politisch bin ich mit den “Ärzten” voll auf einer Linie. Aber den Ansatz, grundsätzlich auf öffentliche Mittel zu verzichten, weil die politische Linie nicht mit der eigenen Linie übereinstimmt, halte ich für kurzsichtig und – vorsichtig – gesagt, dämlich. Und den Menschen auf der Flucht wird durch diese plakative Zurschaustellung des eigenen guten Gewissens sicher auch nicht geholfen.

Regierungen sind in einer Demokratie Vertreter der Bevölkerung. Öffentliche Mittel sind keine Privatschatulle von Politikerinnen und Politikern. Öffentliche Mittel sind Gelder aus der Bevölkerung, Steuern und Abgaben. Sie sind Mittel aller Bürger – auch derjenigen, welche sich politisch vehement gegen Abschottung und für offene Grenzen einsetzen.

Das heißt doch mit anderen Worten: Ärzte ohne Grenzen verzichtet leichtfertig auf einen Teil der von mir bezahlten Steuermittel und möchte stattdessen eine direkte Spende haben. Gewagt, liebe Freunde, gewagt.

Zuletzt erlebte ich diese Debatte Anfang der 90er in der Jugendumweltbewegung. Wie können man von einer Regierung Geld annehmen, die gleichzeitig Atomenergie und Autoverkehr fördere. Wir wählten den Weg durch die Institution, nahmen die Mittel und gestalteten außerparlamentarisch Umweltpolitik. Aber wir hatten auch keine dicke “Hausliste” und keinen bekannten Ruf. Wir hatten kein weiches Spenderkissen, welches uns auffangen würde.

Ja, die Abschottungspolitik der EU gefährdet massiv Menschenleben. Und das ist – vorsichtig gesagt – zum kotzen. Aber auf 50 Mio. Euro zu verzichten, hilft den an Leib und Leben bedrohten Menschen sicher auch nicht. Und auch politisch wird sich dadurch rein überhaupt nichts ändern.

Nein, solange dieser Beschluss von “Ärzte ohne Grenzen” steht, werde ich sicher keine gelegentliche Spende (bisher zwei Mal) mehr an diese Organisation tätigen. Es gibt noch mehr Organisationen.

4 Gedanken zu „Plakative Ethik, die niemandem hilft“

  1. >> Nein, solange dieser Beschluss von “Ärzte ohne Grenzen” steht, werde ich sicher keine gelegentliche Spende (bisher zwei Mal) mehr an diese Organisation tätigen. <<

    Wendest du damit nicht die gleiche Logik an, die du umgekehrt an MSF kritisierst?

    Immerhin stellst du damit das politische Druckmittel des Verzichst auf weiter Spenden über die humanitäre Hilfe, die mit diesen Spenden möglich gewesen wären.

    1. Nein, denn es gibt viele andere Organisationen – bis zur lokalen Ebene -, welche ich mit meinen Spenden unterstützen kann. Und ich geben von privatem Geld, nicht aus öffentlichen Mitteln, das ist für mich der entscheidende Unterschied.
      Mein Arbeitgeber betreibt z.B. die Psychologische Beratungsstelle für Verfolgte und Vertriebene, wo Folteropfer therapiert werden. Da haben wir monatelange Wartezeiten aus Geldmangel.
      Ich bin ein großer Freund auch heftiger politischer Auseinandersetzungen. Aber das Mittel des Verzichts auf öffentliche Gelder gehört für mich in einer Demokratie nicht dazu. Da steh’ ich zu meiner Prägung in den 90ern.
      Aber ich kann gut verstehen, dass dieses Thema sehr kontrovers gesehen und diskutiert wird. Bei Fragen von Ethik, Glaubwürdigkeit und Moral ist das immer so. Und es gibt sicher kein objektives Richtig oder Falsch. Darum müssen wir diskutieren.

      1. Aber wenn du selbst sagst es gibt genügend andere Organisationen die diese Mittel gebrauchen können (und wahrscheinlich ja sogar zusätzliche frei werdende Mittel beantragen können) und gleichzeitig MSF sagt, dass sie ihre Aktivitäten nicht einschränken müssen (laut taz Artikel macht der Verzicht etwa 3,6% des Etats aus), warum dann so eine plakative Überschrift der “plakativen Ethik “?

  2. hallo kai,

    dein beitrag hat mich auf verschiedene art und weise irritiert, u.a. aufgrund der geschwindigkeit/aktualität (die ich beeindruckend finde), aber auch bezüglich der intensität deiner argumentation als auch in bezug auf die inhalte selbst…ich möchte mich vor allem mit den inhalten auseinandersetzen……der reihe nach:

    * “plakative ethik”, nun ja, wir sehen gerade den weg an die öffentlichkeit als mittel, dinge ins rollen zu bringen, bewußtsein zu schärfen, diskussionen anzuregen (scheint zu gelingen)…und das wir dabei unsere prinzipien offenlegen finde ich nur kosequent….
    * “die niemandem hilft” – oh doch, wir hoffen den tausenden und abertausenden flüchtlingen, die in griechenland gestrandet sind, die an der grenze zur türkei gestrandet sind und denen, die hoffentlich bald nicht mehr die tödliche route über das mittelmeer nehmen müssen…
    * “wieder auf geld verzichten”? wieso wieder? beim tsunami haben wir appelliert, dass wir keine zweckgebundenen spenden mehr annehmen können, wohl aber einen hohen bedarf für andere zwecke haben, dem auch die allerallermeisten spender gefolgt sind….darübert hinaus verzichten wir ständig auf geld, wenn es unseren prinzipien widerspricht (wie hoffentlich viele andere organisationen auch), jedoch nicht öffentlich, so z.b. von verschiedenen branchen oder aber auch schon von bestimmten regierungen
    * wir haben keinen einfluss darauf, wie die “freiwerdenden mittel” eingesetzt werden, aber die regierungen tun das hoffentlich im sinne ihrer bevölkerungen, wie du es ja auch siehst…..
    * unsere veröffentlichung der entscheidung ist explizit kein spendenappell, jedoch ist die direkte (unvermeidliche) folge, dass der anteil der privatspenden an unseren einnahmen steigen wird, in deutschland werden wir bei 100% aus privaten quellen landen (von aktuell etwa 97%)….im netzwerk wohl bei ca. 97% von aktuell 92%….
    * wir haben kein “weiches spenderkissen”, dieser wohl eher konzeptionelle ansatz erschließt sich mir gar nicht…..eines unser grundprinzipien ist der der bedarfsgerechten mitteleinwerbung….und bei hundert prozent privater finanzierung fangen wir quasi an jedem ersten januar wieder von vorne an, das ist für mich das gegenteil von einem kissen…….eher eine harte messlatte das vertrauen immer wieder zu rechtfertigen….
    * als organisation aber auch persönlich bedauern wir/ich deinen entschluss unsere arbeit weiter zu unterstützen, wir wissen dich aber in der sache an unserer seite, das freut uns….

    lg jirka
    leiter fundraising msf

    ps: hier beispielhaft eine reaktion von der website kurz nach der veröffentlichung:

    “Weil es im Spendenformular kein Feld dafür gab, hier: Die Spende ist
    eine Reaktion darauf, dass ihr kein Funding mehr von der EU nehmt.
    Danke euch!”

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