Privatisierte Beziehungen? 11 Tipps für die professionelle Nähe.

Nähe oder Distanz? Im Fundraising eine Schlüsselfrage.
Nähe oder Distanz? Im Fundraising eine Schlüsselfrage.

Menschen geben Menschen – eine alte und nur selten infrage gestellte Weisheit im Fundraising. Auch in meinem beruflichen Alltag stelle ich immer wieder fest, wie Förderer oder Stifter sich explizit an unseren Vorsitzenden, an einzelne Fachkollegen oder an mich wenden.

Dies hängt einerseits an der fachlichen Zuständigkeit, welche wir – zum Beispiel mit unseren Online-Visitenkarten – kommunizieren, aber auch an persönlicher Sympathie.

Und im Prinzip ist dies auch eine sehr schöne Sache, denn engere Verhältnisse zwischen Förderer und Organisations-Mitarbeitenden sind auch ein verlässlicher Kitt und sichert die Dauerhaftigkeit der Spender- und Stifterbeziehung.

Gefahr durch privatisierte Geschäftsbeziehungen

Problematisch wird solch eine Beziehung dann, wenn sie die Beziehung zur Organisation überlagert oder dominiert. Aus der Werbebranche hört man derlei sehr häufig. Beim Wechsel von einer Agentur zur anderen oder in die Selbständigkeit folgen dem Kreativen die Kunden nach.

In einer gemeinnützigen Organisation wird es nun eher selten der Fall sein, dass ein Fundraiser “seine” Spender mitnimmt. Zumindest bei der breiten Masse der Fördernden ist dies unwahrscheinlich. Doch drei Szenarien sind problematisch:

  1. Menschen spenden aufgrund der persönlichen Beziehung
    Bei der Gruppe der Großspender, Erblasser oder Stifter könnte dies schon vorkommen. Gerade dort sind die Beziehungen eher enger und die Spenden können durchaus aufgrund langjähriger Zusammenarbeit erfolgen. Dies heißt im Umkehrschluss: Ist der Fundraiser (oder Vorsitzende …) nicht mehr im Dienst, fallen die Spenden weg oder reduzieren sich deutlich.
  2. Fundraiser können sich nicht mehr abgrenzen
    Ältere Menschen sind häufig einsam, der Freundes- und Bekanntenkreis hat sich reduziert und der Bewegungsradius schrumpft kontinuierlich. Damit wird die Beziehung zum Fundraiser wertvoll und singulär. Dies kann zur Folge haben, dass die ursprünglich rein geschäftliche Beziehung eine Erweiterung ins Private erfährt. Kleine Gefälligkeiten, monatliche Besuche ohne Thema, Übernahme einer Betreuung, …
    So schön dies, menschlich betrachtet, auch ist, so problematisch ist dies, wenn es sich häuft. Als Fundraiser sind wir keine ehrenamtlichen “Schwiegersöhne”, haben ein fixes Zeitbudget und eine gewisse Erfolgsorientierung.
  3. Personenwissen statt Organisationswissen
    Wer häufiger Kontakt zu Einzelpersonen hat, erfährt zwangsläufig vieles aus deren Biografie, kennt Vorlieben und Abneigungen und weiß über die Motive zur Spende. Schwierig ist es, wenn diese Beziehung als eine rein persönliche angesehen wird und kein Austausch mit Kollegen oder keine schriftliche Dokumentation erfolgt. Wenn dann nämlich ein Fundraiser oder leitender Mitarbeiter geht, geht dieses Wissen mit ihm. Ein Nachfolger hat dann möglicherweise große Schwierigkeiten, diesen Kontakt weiter zu gestalten.

11 Tipps für die professionelle Nähe

Die Frage von Nähe und Distanz ist eine Schlüsselfrage in allen zwischenmenschlichen Beziehungen.  Hier einige Anregungen, wie es Ihnen gelingt, die Grenzen Ihrer Aufgabe als Fundraiser zu wahren:

  1. Dokumentieren Sie Ihre Kontakte und Gespräche schriftlich in den wesentlichen Zügen.
  2. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kollegen diese Unterlagen im Vertretungsfall (Urlaub, Krankheit) auch schnell finden können und nicht in privaten Verzeichnissen gesichert sind.
  3. Machen Sie keine unhaltbaren Versprechen (“Im Todesfall werden ich (!) Ihre Wohnung ausräumen”).
  4. Wenn Förderer Assistenz benötigen: helfen Sie ihnen, diese professionell zu suchen. Es ist nicht Aufgabe von Fundraisern, Einkäufe zu erledigen, zu Arztbesuchen zu begleiten oder Hausmeisterdienste (Kehrwoche …) zu übernehmen.
  5. Kennen Sie Ihre professionellen und zeitlichen Grenzen (“Natürlich werde ich gerne als Betreuer für Sie tätig.”)
  6. Erkennen Sie, wenn Menschen nicht “auf den Punkt” kommen, weil dann die Besuche ein Ende fänden.
  7. Machen Sie deutlich, dass Sie Vertreter Ihrer Organisation sind und es im Vertretungsfall noch mehr kompetente Ansprechpartner gibt.
  8. Nehmen Sie niemals bei einem Wechsel des Arbeitgebers die Spenderkartei mit.
  9. Gestalten Sie Ihre Beziehung zu Förderern so, dass es einem möglichen Nachfolger mit vertretbarem Aufwand gelingen kann, diese Beziehung fortzusetzen.
  10. Werden Sie nicht müde, die Förderbeziehung auf inhaltliche Füße zu stellen und den Kontakt zum geförderten Projekt / Haus / Maßnahme zu stärken.
  11. Aber bleiben Sie trotz professioneller Distanz ein angenehmer Gesprächspartner! Ihr Gegenüber soll sich nach jedem Besuch, nach jedem Gespräch, etwas besser fühlen als vorher.

 

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