Modell oder Weltformel

Ein idealtypisches Modell (von mehreren): Die sogenannte Spenderpyramide
Ein idealtypisches Modell (von mehreren): Die sogenannte Spenderpyramide

Unsere gute alte Spenderpyramide hat es nicht leicht. Sie taucht immer wieder auf, man findet sie in Lehrbüchern, Vortragsfolien, Studienarbeiten,  im großen Handbuch Fundraising und sogar im “Urselmann” (Fundraising …), einem an Fachhochschulen sehr beliebten Lehrbuch (so von Prof zu Prof …).

Und nun tauchte sie wieder im Blog einer Fachkollegin auf, wo sie sich – vergeblich – gegen die Spender-Einfluss-Spirale zu behaupten hatte.

Auch bei mir hatte es die Spenderpyramide nicht immer leicht gehabt, die Beziehungspyramide stellte ich ihr an die Seite. Aber unser Verhältnis war nie so getrübt, dass ich deswegen Pickel bekommen hätte oder an ihr gescheitert, ja gar zerbrochen wäre, wie die Fachbuchautorin im Blog Adlerauge ihre Odyssee wörtlich beschreibt.

Vielleicht betrachten wir die Spenderpyramide einmal so, dass wir sie als das nehmen, was sie ist:

Die Spenderpyramide ist …

… <!!!!! Trommelwirbel !!!!!> … ein idealtypisches (!) Modell. Idealtypische Modelle sollen uns dabei helfen, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie schwer es uns schon fällt, nur einen einzigen (sic!) Menschen zu verstehen, wird uns klar, welchen hohen Anspruch wir an ein Modell haben. Solch ein Modell soll nicht nur das Verhalten eines Menschen abbilden, sondern gleich das einer Vielzahl, ja vielleicht sogar aller Menschen …

Zur Weltformel, nebenbei bemerkt, ist es dann nicht mehr weit. Aber Schüchternheit ist nicht unsere Aufgabe als Fundraiser.

Doch nun ganz ernsthaft. Immer wenn uns Modelle, Erklärungsmuster, Grafiken präsentiert werden, muss uns klar werden, dass ein Modell niemals die Wirklichkeit 1:1 abbildet.

Stellen Sie sich bei einem Modell immer folgende Fragen:

  • Welche Erklärungskraft besitzt das Modell?
  • Wo sind die Grenzen des Modells, seine Einschränkungen?
  • Für welchen Anteil an meiner Spenderschaft besitzt das Modell Erklärungscharakter?

Seien Sie sich bewusst, dass

  • statistische Häufigkeiten und Modelle nichts, überhaupt nichts, über das Verhalten eines konkreten Individuums aussagen;
  • mehrere Modelle völlig unbeschadet nebeneinander (!) bestehen können, ohne sich in die Quere zu kommen, sich ggf. aber ergänzen;
  • die Suche nach dem allumfassenden Modell der Suche nach der Weltformel gleichkommt und – nach bisherigem Wissensstand – zum Scheitern verurteilt ist.

Als Menschen, als Fundraisende, müssen wir mit Komplexität leben. Ein Modell, wie es die Spenderpyramide darstellt, vereinfacht diese Komplexität, damit wir überhaupt handlungsfähig bleiben können.

Was die Spenderpyramide leistet

Bei allen Begrenzungen, welcher die Spenderpyramide unterliegt und welche vielfach schon beschrieben wurden (ja, auch von mir), bietet sie uns in ihrer Schlichtheit doch Halt im turbulenten Fundraising-Alltag.

Die Spenderpyramide …

  • hilft uns dabei, unser Mix an Fundraising-Instrumenten, die Angebotspalette für Spendende, auf bestimmte idealtypische Spendergruppen hin zu optimieren, zu gestalten;
  • zeigt uns einen Verlauf der Spenden-Intensität auf, wie er bei einem großen Teil der Förderer von mittleren und großen Organisationen empirisch nachvollzogen werden kann;
  • gibt uns einen Hinweis, dass eine Spenderbiographie dynamisch ist und von uns beeinflusst werden könnte.

Sie gerät dann an ihre Grenzen, wenn es um das Beziehungsgeflecht geht und auch beim Postulat der Spender-Bindungsmaßnahmen (nach oben zunehmend) habe ich deutliche Bedenken. Die Nachlass-Geber an der Spitze sind zwar empirisch nachweisbar, aber der Umkehrschluss ist nicht zulässig. Gerade bei Erblassern erleben wir zu einem großen Anteil “Quereinsteiger”, welche die Pyramide nicht durchlaufen haben.

Mein persönliches Fazit

Ich halte die Spenderpyramide noch immer für ein brauchbares Werkzeug, um die Fundraising-Instrumente zu schärfen und für alle monetären Spendermöglichkeiten ein adäquates Angebot bereit zu halten.

Ein Modell ist immer ein Werkzeug und damit ist es immer nur so gut, wie die Fähigkeit desjenigen, der es gebraucht. Oder um es bildlich zu sagen:

Wer mit der Sense nicht umgehen kann, sollte die Schuld nicht bei der Sense suchen.

2 Gedanken zu „Modell oder Weltformel“

  1. Amen, lieber Kai! Besser kann man das ambivalente Verhältnis zur Spendenpyramide nicht darstellen. Auch mir geht’s so: Ich weiß, dass die von ihr suggerierte Kausalität falsch, ja verhängnisvoll ist, gleichzeitig nutze ich sie gedanklich gerne für die innere Ordnung von Kommunikationskonzepten.

    1. Lieber Oliver, danke für Deine Einschätzung! Ich werde demnächst mal ein Modell vorstellen, welches auf der Pyramide basiert, aber noch präzisere Wege der Anwendung eröffnet.

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