Kommentar zur Dissertation von Clara West

Auf sozialmarketing.de ist ein Interview mit Clara West erschienen, welches sich um ihre 2011 eingereichte Dissertation zum Thema “Bestandsaufnahme der Bedeutung verschiedener Motivgruppen bei Spendern” dreht.

Ein erster und sehr schneller Blick über die Dissertation bringt nach dem ersten Impuls der Freude über ein neues Stück Forschung einige Fragen auf. Nachfolgend der Text des Kommentares, den ich auf sozialmarketing.de hinterließ:

Fehlende forschungsleitende Theorien

Die Dissertation betrachtet im ersten Teil die bisher vorhandenen Forschungsansätze zur Spendermotivation. Die Autorin kommt darin zum Schluß, dass alle entdeckten oder benannten Spendermotive sehr singulär nebeneinander stehen und es keine übergreifende Theorien gäbe. Zitat aus dem Interview: “Dem gegenüber waren die Spendenmotive für den deutschen Raum eben nur sehr marginal erforscht, so dass kaum Hypothesen zu den Spendenmotiven und –motivstrukturen möglich waren. Mit meiner Untersuchung  möchte ich zur Schließung dieser Lücke beitragen und habe aufgrund des Forschungsdefizits eine explorative, qualitative Methode gewählt.”

Diese Methode sah so aus, dass 30 Personen interviewt wurden. Ausführlich ist dies in der Dissertation nachzulesen.

Nun einige Anmerkungen:

Auf Seite 32 wird von einer „ganzheitlichen“ Betrachtungsweise geschrieben. Da klingen mir doch gleich die Glöckchen im Kopf. Ist dies doch nicht selten ein Indiz dafür, sich einem möglicherweise komplexen Thema nicht komplex nähern zu müssen, sondern „explorativ“ vorgehen zu dürfen.

Es werden auf Seite 57 viele mögliche Motive von Spendern genannt. Diese decken sich durchaus mit meinen Erfahrungen im Praxisfeld. Warum nutzt die Autorin diese Ressource nicht, um Theoriebildung zu betreiben.

Wenn die Autorin zu Recht darauf hinweist, dass das Spendenverhalten durch monokausale Ansätze nicht zu klären ist (S. 78), dann stellt sich mir die Frage, warum dann der explorative Ansatz gewählt wurde. Denn u.a. durch explorative Ansätze wurden ja viele Ideen bereits generiert. Alternativ wäre ja auch denkbar gewesen, das vorhandene Material möglicherweise einer (statistisch anspruchsvollen)  multivatiaten Analyse zu unterziehen.

Willkürliche oder untaugliche Stichprobenziehung

Eine Studie ist – alte Soziologenweisheit – maximal so gut, wie die ihr zugrunde liegende Auswahl der Untersuchungspersonen. Und da sehe ich große Probleme bei der Auswahl der 30 Befragten. Denn die geschah nicht besonders „explorativ“, sondern sehr pragmatisch.

  • Es wird immer wieder auf eine „Repräsentativität“ der Ausgewählten gesetzt. Diese wird anhand soziodemografischer Faktoren bestimmt. Damit geschieht bereits Theoriebildung, denn die dahinter liegende Theorie besagt, dass die genannten Faktoren spendenentscheidend sein könnten. Hier: Alter, Geschlecht, Ost-West. Die genannte Offenheit, der explorative Ansatz wird damit etwas ad absurdum geführt.
  • Warum soll der Nord-Süd-Unterschied keine Rolle spielen? Die Autorin erwähnt ihn, sieht ihn aber durch das Einkommensgefälle erklärt und ignoriert ihn ab dann. Woher stammt diese Erkenntnis? Hier wird sehr locker passend gemacht, was vielleicht nicht passt. Die Befragten kommen aus einer großstädtischen Region – welche Rolle spielt das?
  • Von den 30 Befragten sind 15 evangelisch, 2 katholisch und 13 konfessionslos. Dies ist eine sehr starke Verzerrung der Stichprobe. Insbesondere, wenn die konfessionellen Prägungen, wie oft angenommen, eine wichtige Rolle spielen – auch die konfessionellen Unterschiede. Insbesondere bei der älteren – und spendenaffinen – Spenderschaft ist hier ein starker Beweggrund anzunehmen.
  • Die Auswahl der Altersgruppen und eine Gleichverteilung innerhalb der Gruppen ist nicht nachvollziehbar. 14-29, 30-49 und 50+ sind die Kategorien. Aus meiner Sicht (und ich habe Soziologie der Lebensalter studiert), ist diese Altersgruppierung völlig untauglich, um Spendertypen zu bilden. Für sehr viele Personen fängt das Spendenalter, das spendenfähige Alter, erst mit Mitte 40 an und entwickelt sich dann nochmals sehr differenziert.
  • Welchen Erkenntnisgewinn haben wir, wenn 1/3 der Befragten einer Gruppe angehören, welche praktisch nicht spendet? Da hätte man auch die Meerschweinchen in einer Berliner Zoohandlung befragen können.
  • 50+ ist eine in keiner Weise einheitliche Alterskohorte. Wir haben hier Geburtsjahrgänge von ca. 1920-1960. Das sind real 40 Jahre, in welchen ganze Weltreiche vergingen! 50jährige, 60jährige, 70jährige und 80jährige unterscheiden sich in ihrer Biografie, ihren Prägungen, ihrem Ausgabenverhalten, ihrem Lebensstil gravierend!
  • Spender werden als Individuen betrachtet. Wo ist der familiäre Kontext? Meine Erfahrung aus der Praxis sagt mir, dass Spenden oft als familiäre Entscheidung getroffen werden, unterschiedliche Verantwortlichkeiten bei (Ehe-)partnern sichtbar sind. Oder habe ich dies in der Eile überlesen?
  • Der Auswahl von zu befragenden Personen über Non-Profit-Organisationen (S. 88) bringt natürlich eine gravierende Verzerrung mit sich. Denn wen werden Hauptamtliche wohl auswählen? Personen, welche persönlich bekannt sind, welche eine gewisse Eloquenz haben und „angenehm“ sind. Sie wählen Personen, von denen sie ein gutes Antwortverhalten erwarten. Damit ist eine gravierender Bias in der qualitativen Stichprobe vorhanden, der nicht hinterfragt wird.
  • Dann kommt noch dazu, dass Befragte selber noch weitere Personen nennen konnten, falls über die NGO keine ausreichende Befragtenzahl kam. Welche Verzerrung geschieht hier?
  • Betrachte ich mir die genannten Schulabschlüsse der Befragten, dann sehe ich 1 Hauptschulabschluss, 4 Berufsausbildungen, 15 Hochschulabschlüsse und 4 Promotionen.
    Für welchen Teil der Bevölkerung soll denn das bitte repräsentativ sein? Bis Mitte der 60er Jahre war der Volksschulabschluss in weiten Teilen der Bundesrepublik der bestimmende Schulabschluss. Und hier ist er mit 3% bzw. incl. derjenigen mit Berufsausbildung 20% sichtbar.

Fazit

Nein, weiter bringt uns diese Studie nicht. Sie bringt wieder einige Spendertypisierungen mehr und damit war es dann auch gewesen. Wo bleiben denn nun die Hypothesen, welche für künftige Forschung handlungsleitend sein könnten?

Der Flickenteppich wird größer. Ich warte noch immer auf eine, theoretisch durch forschungsleitende Hypothesen fundierte, empirische Studie zu Spendermotiven. Eine Studie, welche sich nicht in Kreuztabellen und Vermutungen erschöpft, sondern empirisch fundierte Idealtypen von Spendern präsentiert. Solch eine Studie muss dann aber multivatiate Auswertungen fahren und bedarf entsprechender statistischer Fähigkeiten.