Julia Friedrichs: Wir erben – Was Geld mit Menschen macht

Julia Friedrichs: Wir erben - Was Geld mit Menschen macht.

Julia Friedrichs: Wir erben – Was Geld mit Menschen macht.

Erben Sie? Haben Sie bereits geerbt?

Wenn es nach der Erfahrung der Journalistin und freien Autorin Julia Friedrichs geht, sind dies – nach der Gehaltsfrage – zwei der tabubehaftetsten Fragen, welche wir stellen können. Denn die Frage nach dem Erbe tangiert nicht nur das deutsche Geld-Tabu.

Rund 250 Milliarden Euro werden hierzulande Jahr für Jahr vererbt. 70 Jahre ohne Krieg hinterlassen materiell ihre Spuren und so wird in den nächsten Jahren ein ungeahnter Vermögenszuwachs bei Kindern und Enkeln der Nachkriegsgeneration zu verzeichnen sein.

Das geht an der bundesdeutschen Gesellschaft nicht spurlos vorbei,  wie Julia Friedrichs in ihrer Recherche zeigt.

Doch vorab: So vielfältig die Erben als Persönlichkeiten sind, so eint sie doch eines – sie sind schweigsam. Julia Friedrichs schaffte es nur mühselig, Gesprächspartner zu finden. Aber sie schaffte es und so findet sich in ihrem Buch “Wir erben – Was Geld mit Menschen macht” ein buntes Panoptikum an Beispielen. Sie besucht und interviewt Menschen “wie du und ich”, sie trifft mittelständische Unternehmenserben und hat auch Kontakt in die Riege der ganz reichen Erben.

Was macht geerbtes Geld mit einem? Einige Beispiele:

  • Es schafft Distanz zu Freunden, welche weniger haben. Erben leben unter ihren Möglichkeiten, um nicht aufzufallen, keinen Neid zu wecken.
  • Ererbtes Geld auszugeben (Auto, Reisen, Haus) schafft einen Rechtfertigungsdruck und stört das soziale Gefüge des Umfeldes.
  • Es wird als unverdient empfunden, bleibt unangetastet auf dem Konto, wird verschwiegen.
  • Es ist eine Belastung, weil es manchmal mit Verpflichtungen einhergeht, beispielsweise bei einer Unternehmensnachfolge.

Erbschaften sind oft auch eine Endabrechnung und wirken durch die induzierten Fehden manchmal noch Jahre, Jahrzehnte nach.

Ein Erbe kann aber, auch wenn das in Julia Friedrichs Buch die Ausnahme ist, befreiend wirken, indem es den finanziellen Rahmen für die Verwirklichung in einem “brotlosen” Beruf ermöglicht.

Julia Friedrichs hat den spürbaren Blick und den Tonfall einer investigativ arbeitenden Journalistin. Sie belässt es nicht beim distanzierten Interview, sondern streut ungefiltert ihre Eindrücke in die Geschichten ein. Es wirkt ein wenig wie in einem Polit-Magazin. Aber durch die subjektive Beschreibung der Interviewten, ihrer Reaktionen, Verhaltensweisen und ihres Umfeldes gewinnt das Buch eine größere Nähe, als ein Erzählband. Das Kapitel mit den Gesprächen der finanzpolitischen Sprecher/innen der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien, sowie Bezug auf die Erbschaftssteuerdebatte bei Unternehmensnachfolgen, machen das Buch zu einem zeitgeschichtlich verankertem Werk. In 5-10 Jahren könnte es so nicht mehr unverändert erscheinen.

Philanthropie, Spenden und Stiftungen spielen im Buch keine große Rolle. Wer diesen gesellschaftspolitisch gestaltenden Aspekt des Umgangs mit einem Erbe betrachten möchte, ist mit dem Klassiker “Frauen erben anders” von Marita Haibach besser bedient. Wobei die Ergebnisse der Interviews in beiden Büchern sehr vergleichbar sind, der Umgang mit ererbtem Geld in beiden Büchern ähnliche Verhaltens- und Reaktionsmuster aufzeigt.

Mein Fazit: Wer sich als Fundraiserin und Fundraiser mit dem Thema Großspenden-Fundraising, Stiftungs-Fundraising und Erbschaftsfundraising beschäftigt, für den ist das Buch “Wir Erben” eine hilfreiche Lektüre. Das Buch hilft, die Schwierigkeiten des “nicht über das Erbe sprechen können” zu verstehen und die mit einem Erbe einhergehenden Ambivalenzen nachvollziehen zu können. Die Lektüre hilft, die eigenen Vorurteile und Reaktionsschemata in Bezug auf das Thema Erbe / Vermögen zu erkennen, zu hinterfragen. “Wir erben” gibt uns das Verständnis für die psychologischen Effekte einer Erbschaft und eröffnet uns damit einen Weg zur Philanthropie-Beratung – jenseits einer Umverteilungs- oder Gerechtigkeitsdebatte.