Goldene Regel mit Patina

Ans Meer oder in die Berge? - ein Klassiker, der zeigt, warum die Goldene Regel ihre Grenzen hat.

Ans Meer oder in die Berge? – Ein Klassiker, der zeigt, warum die Goldene Regel ihre Grenzen hat.

Wenn einem gar nichts mehr einfällt, um seinen Kindern eine Regel zu erklären, dann bietet sich als Notnagel immer noch die Goldene Regel an. Es gibt sie in verschiedenen Formulierungen, insbesondere aber in einer negativen und in einer positiven Formulierung. Nach der Wikipedia lauten die bekanntesten Formen:

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“

Im Fundraising höre ich immer wieder Handlungsbegründungen, welche nach diesem Schema argumentieren. Man soll dies oder jenes tun, weil man selber doch wolle oder nicht wolle, dass dies oder jenes mit einem geschieht. Und es ist auch sehr nachvollziehbar, diese Argumentation zu verwenden, denn im Allgemeinen fährt man damit sicher nicht schlecht. Zumindest dann, wenn wir an die klassischen Gebote und Verbote denken, wie Diebstahl, Lüge, Betrug, Mord.

Doch fürs Fundraising halte ich die Goldene Regel mehr und mehr für fragwürdig. Denn sie dient schnell dazu, eine persönliche Befindlichkeit zum allgemeinen Maßstab zu machen, ohne dass dies den Spendern und Förderern wirklich dienlich wäre. Ja, die Goldene Regel ist so etwas wie der “Gesunde Menschenverstand” – vor 80 Jahren gesundes Volksempfinden genannt – und damit etwas, wo sich mir die Nackenhaare zu sträuben beginnen. Denn ich reagierte schon immer allergisch darauf, wenn mir jemand sagen wollte, was mein Bestes wäre.

Im Fundraising gibt es viele geschriebene und ungeschriebene Gesetze und Regeln. Doch mit die Wichtigste ist aus meiner Sicht:

Behandle Deine Förderer so, wie sie (!) behandelt werden möchten.

Damit ist schon das Meiste gesagt. Biblisch betrachtet, schuf Gott den Menschen nach seinem Angesicht. Davon, dass die Spender nach dem Angesicht der Fundraiser geschaffen wurden, steht nichts geschrieben. Trotzdem argumentieren wir sehr oft genau aus dieser Perspektive. Sobald wir anfangen mit “Ich mag am liebsten, wenn …”, um eine Handlung im Fundraising zu begründen, sind wir schon in der Falle gelandet. Denn unsere eigenen Bedürfnisse, auch wenn wir selber als Spender tätig sind, können sich von den Wünschen der Spender unserer Organisation diametral unterscheiden.

Ich hatte dies unter anderem einmal in einem Beitrag über Flyer, welche Leser interessieren, beschrieben gehabt. Wir können völlig falsch liegen, wenn wir unsere Haltung, unsere Sicht, unsere Bedürfnisse verallgemeinern.

Die Goldene Regel hat also nicht nur Patina, sondern kann uns im Fundraising geradewegs ins Verderben führen.