Geschichten erzählen – das Unsichtbare sichtbar machen

Fundraiser erzählen Geschichten - sie müssen so gut sein, wie schaurig-schöne Lagerfeuergeschichten.

Schaurig-schöne Lagerfeuergeschichten – solche Bilder müssen wir Fundraiser auch in den Köpfen aufsteigen lassen.

Erlebnis bringt Ergebnis. Doch mit dem Erlebnis schaffen ist es oft nicht so einfach. Vor dem Problem stand auch eine Teilnehmerin eines Seminars und wir versuchten gemeinsam, Ideen zu finden.

Ausgangslage war folgende:  Einer Gruppe von Spendern sollte eine Tageseinrichtung für Wohnungslose gezeigt werden. Doch da standen einige Hindernisse im Weg. Zum Beispiel:

  • Die Einrichtung ist nicht so groß, da wird es mit Besuchern schnell eng.
  • Tagsüber im Betrieb zu kommen ist irgendwie auch “blöd”, da dann die Gäste / Wohnungslosen sich schnell auf dem Präsentierteller fühlen, angestarrt werden.
  • Wenn man abends hingeht, bekommt man nichts von der Atmosphäre mit.

Also ganz normale Probleme einer sozialen Einrichtung, welche etwas aus ihrem Alltag zeigen möchte. Noch deutlicher wird das Problem, wenn man eine Jugendhilfeeinrichtung hat. Dann ist es noch schwieriger, denn der Schutz der Jugendlichen geht natürlich vor und man kann nicht einfach eine Gesprächsrunde ohne Einwilligung der Sorgeberechtigten starten.

Eine leere Einrichtung präsentieren

Wir haben uns dann einige Ansätze überlegt, wie man einer Besuchergruppe – ohne riesigen Aufwand zu betreiben – eine leere Einrichtung als Erlebnis präsentieren kann. Wichtig dabei ist, dass wir in der Lage sein müssen, Geschichten zu erzählen. Denn Geschichten machen das Unsichtbare für uns präsent, erlebbar. Das weiß jeder, der mal abends am Lagerfeuer eine Gruselgeschichte gehört hat …

Wie kann ich eine Tagestreff für Wohnungslose abends lebendig werden lassen? Einiges kann man erzählen:

  • Atmosphäre: Es herrscht eine ruhige entspannte Atmosphäre. Klar, es wird auch mal lauter oder lebendiger, aber im Alltag ist es anders als bei Wohnungslosentreffs auf Plätzen.
  • Der Treff ist für manchen die Wohnung: Dusche, Wäsche waschen, Schließfach. Und – ganz wichtig – ein Postfach für alle amtlichen Bescheide!
  • Kontaktmöglichkeit / Hilfe: Keiner wird gezwungen – aber jeder kann einen Sozialarbeiter für weiterführende Hilfe ansprechen, wenn er sich soweit fühlt.
  • Lebensgeschichten: Wer kommt hierher? Ein oder zwei Geschichten müssen erzählt werden von Menschen, die hierher kommen. Denn niemandem, der hierher kommt, sah man als Baby oder Kind an, dass er auf der Straße landen würde. Wo waren die biographischen Brüche? Wann endete die Normalbürger-Biographie? Können wir Spendern zeigen, dass es “jeden” treffen könnte?
  • Keine Sozialromantik: Nein, es ist nicht wie im Film. Die Arbeit mit wohnungslosen Menschen ist nicht immer einfach. Sonst wären sie meist nicht wohnungslos geworden. Und das betrifft nicht nur den oft strengeren Geruch.
  • Sozialarbeiter als Helden: Der Abschied von der Sozialromantik leitet über zum fordernden Beruf und Alltag der Sozialarbeiter und Helfer der Einrichtung. Sie tun das, was sich viele Spender niemals zutrauen würden. Sie können “retten”, brauchen aber auch enormes Durchhaltevermögen, müssen den Menschen hinter der Fassade sehen können, Empathie auch für Menschen haben, welche nicht “so knuddelig” sind.
  • Licht und Schatten: Eine gelungene Biographie sollte in der Vorstellung nicht fehlen. Hat ein Besucher des Tagestreffs den Schritt ins “normale” Leben geschafft? Kann er vielleicht sogar live darüber berichten? Aber: Klar machen, dass es nicht immer ein Happy End gibt, dass auch Enttäuschungen zur Arbeit gehören, dass oft schon viel geschafft ist, wenn sich der Zustand eines Besuchers nicht verschlechtert.

In wenigen Minuten hatten die Seminarteilnehmerin und ich uns dieses kurze Skript – noch ungeordnet – überlegt. Wenn diese Geschichten von ihr, einem Sozialarbeiter und vielleicht einem Besucher erzählt werden – das bleibt in den Köpfen hängen!

Und wir hatten das Gefühl, dass sie damit – auch in einem leeren abendlichen Tagestreff – einer Spendergruppe diesen Ort lebendig werden lassen kann. So lebendig, dass die aufkommenden Bilder im Kopf vergessen lassen, dass kein Besucher zugegen war.