Fundraising is the gentle art …

Eine kleine Diskussion über die Definition von Fundraising

Viele kennendas klassische Zitat von Henry A. Rosso “Fundraising is the gentle art of teaching the joy of giving.” Oder auf deutsch: Fundraising ist die schöne Kunst, die Freude am Geben zu lehren. So eingängig und flüssig gerade englischsprachige Zitate oft klingen, so genau müssen wir auf ihren Wahrheitsgehalt sehen. Und auch wie so oft bei eingängigen Zitaten steckt der Teufel im Detail. Oder knapp gefragt: Was genau ist diese Freude an der Gabe? Was soll mir am Spenden Freude bereiten?

Ich leite mit dem Zitat von Rosso meist meine Einführungsworkshops Fundraising ein und stelle dann die genannten Fragen. Und die Antworten darauf sind sehr vielfältig.

Doch wie komme ich darauf? Kürzlich las ich im Blog Adlerauge folgende Passage, eben zu jenem Zitat von Henry Rosso:

“Und ich gebe offen zu, diesen Satz nicht zu verstehen. Nicht ein bisschen. (…) Geht es tatsächlich um das Belehren von Spendern? Weil sie überhaupt keine Ahnung haben, welch tiefes Glück im Geben steckt? Weil erst wir Fundraiser Spendern beibringen müssen, dass Lieben Geben heißt? Ja? Ich bin da vorsichtig, denn meine Erfahrung spricht eine andere Sprache. “

Und ich fragte mich, ob der Satz wirklich so missverständlich oder unverständlich ist. Ob damit wirklich eine Belehrung impliziert ist. Weiter wird im Blog Adlerauge geschrieben:

“Deshalb formuliere ich (…)
– Spender spenden, weil sie es wollen.
– Spenden langweilt Spender nicht. Sie müssen nicht dazu überredet werden. Ja, sie lassen sich noch nicht einmal dazu überreden.
– Spender wollen die Welt verändern und suchen nach einem Vehikel dazu.
– Spender wünschen sich eine Verbindung zum Anliegen. Denn das Anliegen bedeutet ihnen viel. Es treibt sie um.
-Spender wissen, dass und wie gut sich spenden anfühlt. Sie sind Menschen.”

Nun ja, diese Betrachtungsweise erscheint mir – vorsichtig formuliert – doch ein wenig eindimensional und von einem sehr vereinfachenden Spenderbild geprägt. Würde ich diese Formulierung erst nehmen, müsste ich Fundraising weitgehend als wirkungslos einstellen.

Ein Blick in die Praxis des Fundraisings

Die Gründe, warum Menschen geben oder nicht geben sind sehr vielfältig. In sämtlichen Workshops erhalte ich ähnliche Aussagen der Teilnehmenden, wenn ich nach Spendengründen frage. Es sind – und das spiegelt sich sicherlich das Verhalten der Seminarteilnehmer (als manchmal gebende Menschen) wider – folgende:

  • Soziales Engagement
  • Christliche Motivation
  • Steuern sparen
  • Helfer-“Syndrom“
  • Sache für gut halten
  • “Platz im Himmel sichern”
  • Eigene Erfahrung von Not (selber oder im Urlaub erlebt)
  • Schlechtes Gewissen
  • Konkretes Ziel (persönliches, gesellschaftliches)
  • Gerechtigkeit (Ich habe so viel …)
  • Idealismus
  • Mitleid
  • Angst, selber mal betroffen zu sein
  • Sozialer Zwang

Nun, das sind nun sicherlich nicht alle Motive. Aber es ist sichtbar, dass es eben nicht nur die selbstlosen, selbstverwirklichenden Motive sind. Und daraus speist sich auch die Rechtfertigung und die Notwendigkeit von Fundraising. Wenn es wirklich nur die bewusst agierenden Spender wären, mit welchen wir zu tun hätten, dann würde sich unsere Arbeit auf das Präsentieren von Spendenoptionen beschränken. Doch dem ist nicht so, was jeder Fundraiser nach etwas Praxiserfahrung bestätigen kann.

Die Freude am Geben lehren… – einige Hinweise

Der Satz von Henry Rosso hat in meinen Augen eine hohe Berechtigung. Hier einmal vier Aspekte, warum Fundraising sehr gut mit “Freude am Geben lehren” beschrieben ist:

  1. Menschen, welche bisher noch nicht gespendet haben, müssen darauf gebracht werden, dass diese Form des Menschseins angenehm und erstrebenswert ist.
  2. Spender, welche bisher vorwiegend aus Pflichtgefühl, Gewohnheit, schlechtem Gewissen, religiöser Pflicht oder sozialer Angst heraus spenden, soll die lustvolle und verwirklichende Macht der Gabe gezeigt werden.
  3. Gebenden, welche bereits in einem selbstverwirklichenden Sinne geben, bekräftigen wir in ihrem Tun. Wir frischen ihren – vielleicht im Alltag verschütt’ gegangenen – Optimismus an die wohltuende Kraft des Spendens wieder auf, so wie das einmal Gelernte durch eine Wiederholung vertieft wird.
  4. Und zuletzt erweitern wir die Freude des Gebens für die Spender auf vielleicht bisher unbeachtet gebliebenen Nöte und Bedürfnisse dieser Welt. Wir wecken Freude für neue Themen – etwas, was auch im Blog Adlerauge gerade als wohltuende Erfahrung beschrieben wurde.

Fundraiser sind nicht belehrende Oberlehrer. Wer das Zitat von Henry A. Rosso so liest, hat es missverstanden.

Ja, die Freude am Geben zu lehren (to teach the joy of giving), ist eine sehr befriedigende Definition des Fundraisings. Und ich hoffe, ich konnte sie hier verständlich aus- und darlegen.

 

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