Das gelungene Seminar

Was nimmst Du aus einem Seminar mit? War es das Geld wert? Deine Notizen sind der Gradmesser.

Was nimmst Du aus einem Seminar mit? War es das Geld wert? Deine Notizen sind der Gradmesser.

Am Donnerstag darf ich wieder einmal einen Fach-Vortrag halten. Und ich vermute sehr, dass es irgendwelche Erhebungsbögen im Anschluss für die Teilnehmenden gibt, um die Vortragsqualität zu evaluieren. Da wird dann nach dem adäquaten Medieneinsatz gefragt, ob ich auf die Fragen der Teilnehmenden einging, als fachlich kompetent eingeschätzt werde etc.

Bei einigen Kongressen erlebte ich bewundernd Vorträge  von Kollegen, die die Anwesenden begeisterten, den Saal mit Energie füllten und die auch im Nachhinein Bestnoten in der Gesamtbewertung erhielten. Doch wenn ich nach solchen Vorträgen Kolleginnen und Kollegen frage, was sie nun praktisch aus dem gehörten – ja eher schon  erlebtem – mitnehmen würden, blieb es still. Und in mir oft auch.

Wann ist ein Seminar, wann ist ein Vortrag erfolgreich? Das ist die Kernfrage, die mich als Vortragenden regelmäßig beschäftigt. Am schmeichelhaftesten ist sicher die direkte Rückmeldung durch Applaus, persönlichem Lob oder gelöster Stimmung im Raum.

Primär- und Sekundärtugenden bei Seminaren

Doch wenn die Stimmung als Gradmesser für die Seminarqualität herhalten muss, dann bin ich eigentlich nur Unterhalter. Dann werde ich nicht als inhaltlicher Referent beurteilt, sondern in meiner Qualität als Zeitvertreiber.

Vielleicht gibt es bei Seminaren und Workshops auch so etwas wie Primär- und Sekundärtugenden. Sekundärtugenden wären dann

  • unterhalte das Publikum,
  • sei kurzweilig,
  • wechsel die Medien häufig.

Doch was sind die Primärtugenden? Wenn ich ein Seminar gebe, dann habe ich das Ziel, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer danach mehr wissen als vorher. Primärtugenden im Seminar wären dann

  • Wissen vermitteln,
  • Anregungen geben, wie das erworbene Wissen auf die eigene Situation/Organisation angewendet werden kann.

Doch bei sehr vielen der von mir besuchten Seminare, fällt der zweite Teil, den ich als Primärtugenden eines Seminarleiters bezeichnen würde, ziemlich unter den Tisch. Oft erlebte ich reine Werbeveranstaltungen für den Referenten bzw. seine Agentur, Selbstdarstellungen ohne nützliche oder über Allgemeinplätze hinausgehende Infos mitzuteilen. Oder ich erlebe rhetorische Blender mit aufgeblasenen Seminartiteln oder multimedialen Vorträgen, die außer guter Stimmung nichts hinterlassen.

Klar, ein unterhaltsamer Vortragsstil erleichtert die Aufnahme von Wissen ganz enorm. Aber er darf eben nicht Selbstzweck sein, narzistische Spielwiese.

Entscheidend: das, was ich mitnehme!

Ein Gradmesser, vielleicht der wichtigste Gradmesser für mich als Seminarteilnehmer ist, wie viele Ideen oder Anregungen ich aus der Veranstaltung mitnehmen kann. Und dabei müssen es nicht immer die Hauptinhalte des Seminars sein. Oft arbeitet mein Hirn parallel und nutzt die Impulse für eigene, neue Verknüpfungen.

Ja, in einem gelungenen Seminar mache ich mir viele Notizen. Und so ist auch mein Anspruch als Seminarleiter, als Referent. Daher teile ich in eigenen Seminaren gerne auch ein A4-Blatt an meine Teilnehmenden aus, auf dem sie sich ihre Ideen notieren können und konkrete Vorhaben für die Zeit, wenn sie wieder im Alltag zurück sind. Was es bei mir aber nie gibt, sind die Skripten oder Folien zum parallel mitlesen. Das tötet, so meine Erfahrung, jedes Seminar ab.

Und ich insistiere dringend, dass das von mir referierte Wissen, nur meine persönliche Erfahrung, meinen Erkenntnisstand darstellt. Jede und jeder muss sich daraus seinen eigenen Reim machen, das Gelehrte kritisch hinterfragen oder auf die eigene Organisation inhaltlich und kulturell anpassen.

Trotzdem erlebe ich regelmäßig, dass mir Teilnehmende nach einem Seminar vorwerfen, dass bei ihnen die Situation ja völlig anders als bei mir sei und das Gelernte nicht anwendbar sei. Das ärgert mich dann manchmal, wenn ich den Willen zum Transfer nicht erkennen kann. Ich finde, Erwachsenenbildung beinhaltet das Mitdenken. Wir sind nicht mehr in der Schule, wo bloßes Wissen gepaukt wird. Gute Seminare brauchen mündige Teilnehmende.

Koryphäen killen

Eine These von mir ist, dass die schwierigsten Referenten die Gurus, die oft unhinterfragten Koryphäen sind. Denn sie tragen häufig den Status-Quo weiter, beeindrucken durch ihre Position aber regen nicht zum selber Denken oder gar zum Hinterfragen an.

Zu einem guten Referenten und einer guten Referentin gehört – das mag nun irritieren – eine Portion Selbstzweifel. Denn erst der Zweifel ermöglicht den echten Diskurs auf Augenhöhe mit den Teilnehmenden und damit die Weiterentwicklung von Wissen, von Positionen – sowohl bei den Lernenden, als immer auch bei den Lehrenden. Die besten Seminare die ich gab, waren immer die, bei welchen ich auch mit neuen Ideen heraus kam. So manches Mal unterbrach ich meinen Vortrag oder eine Coachingrunde nach einer Diskussion kurz, um mir selber auf meinem Zettel Notizen für meinen beruflichen Alltag zu machen. Gute Seminare verändern Zuhörende und (!) Referenten.

In diesem Sinne hoffe ich nun auf aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Donnerstag, die mit gut gefüllten Notizzetteln mein Seminar verlassen.

Fazit: Deine Notizen sind der Gradmesser für ein gelungenes Seminar und ob es sein Geld wert war.

Hier ist übrigens der Zettel, den ich gerne ausgebe:  notizblatt_ideen_kd