Plakative Ethik, die niemandem hilft

So, sie tun’s mal wieder: öffentlichkeitswirksam auf Geld verzichten. Dieses Mal auf Mittel der EU und der Bundesrepublik Deutschland. Wie “Ärzte ohne Grenzen” heute mitteilen, werden sie aus Protest gegen die Abschottungspolitik der EU gegenüber Flüchtlingen, ab sofort auf die Beantragung und Annahme von Mitteln der EU und ihrer Mitgliedsländer (+ Norwegen) verzichten.

https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/aerzte-ohne-grenzen-stopp-eu-gelder

Zitat:

Die Organisation verzichtet damit auf Finanzierungen in Höhe von derzeit rund 50 Millionen Euro jährlich und setzt verstärkt auf Privatspender.

Ach wie schön ist es doch, wenn man es sich moralisch so leicht machen kann. Gut, dass es Privatspender gibt. Und die 50 Millionen können dann ja anderen Haushaltspositionen zugute kommen, E-Auto-Prämien oder Flughafenbauten. „Plakative Ethik, die niemandem hilft“ weiterlesen

Wie lauter sind Spendenshops?

T-Shirts und Unterwäsche bestellen, aber Schlappen und Hemd geliefert bekommen? Kein Problem, wenn es ein Spendenshop ist.

Stellen wir uns einmal folgende Situation vor:

-> Sie bestellen bei einem Online-Shop 2 Pullover, 1 Hose und 4 Paar Socken.

-> Geliefert werden dann aber 7 T-Shirts.

-> Verwundert blicken Sie auf die Rechnung und dort steht etwas von FAQ.

-> Sie lesen die FAQ auf der Website des Unternehmens. Dort steht dann:

2. Wenn ich z.B. ein T-Shirt in den Warenkorb lege, wird dann davon wirklich ein T-Shirt geliefert?

Nein. Die Produkte werden nicht 1:1 geliefert, sie stehen vielmehr symbolisch für die Produkte, die unsere Kunden benötigen. In unserem Shop finden Sie beispielhafte Produkte, die unsere Kunden täglich tragen. Ihr Einkauf wird dabei immer so ausgeführt, wie unsere Lagerbestände gerade sind.

Ich glaube, niemand von uns würde jemals wieder bei so einem Laden einkaufen.

Aber warum wird dann in einem bedeutenden Teil der Fundraising-Szene genau so ein Verhalten toleriert und als vertretbar gut geheißen? Ich hatte bereits einmal meine deutliche Irritation über das grenzwertige Angebot in Spendenshops geschrieben gehabt. Häufig sind diese Shops nichts anderes als die gute alte “Shopping-List”, also eine beispielhafte Darstellung, was aus einer gespendeten Summe x finanziert werden kann.

Nun stoße ich auf Tipp meines Kollegen Clemens Matern erneut auf einen solchen Shop und ich ärgere mich ganz enorm. Denn hier ist das System einfach perfektioniert. Der Spendenshop der McDonald’s Kinderhilfe Stiftung sieht hervorragend aus und ist optisch und funktional wunderbar programmiert. „Wie lauter sind Spendenshops?“ weiterlesen

Zahlenspiele

Es wird viel gerechnet, um Spender zu überzeugen.
Es wird viel gerechnet, um Spender zu überzeugen.

Was kostet’s? Die Frage, um die sich so vieles dreht.

Was bei einem Paar Schuhe noch sehr einfach zu beantworten ist – siehe Preisschild -, wird beim Handy schon schwieriger. Anschaffungs- und Folgekosten, 12 oder 24 Monate strapazieren unser Rechenvermögen.

Aber das ist ja noch gar nichts gegen die Rechenkünste, welche wir Vertreter von gemeinnützigen Organisationen unseren Förderern auf den Weg geben. Diese Tage stieß ich auf zwei Rechnung(en). Dabei gibt es eine Organisation A, welche Bildung für Entwicklungshilfearbeit betreibt und als Hauptzweck Spenden für die entsprechende Arbeit von Organisation B einwirbt. „Zahlenspiele“ weiterlesen

Spenden bedanken – Spender würdigen

Stifterwand - Würdigung ohne Bezug auf die Höhe der Zustiftung.
Stifterwand – Würdigung ohne Bezug auf die Höhe der Zustiftung.

Dankbriefe und den Akt des Dankens halte ich für wichtig im Fundraising. Das habe ich schon häufig geschrieben. Und ich denke nach wie vor, dass grundsätzlich jede Spende bedankt werden soll.

Nun erreicht mich regelmäßig die Frage, ob das denn

  • unter wirtschaftlichen Aspekten vertretbar sei und
  • ob es nicht doch einen großen Unterschied mache, ob jemand 10 oder 1.000 Euro spendet.

„Spenden bedanken – Spender würdigen“ weiterlesen

Müssen Sie Ihr Gehalt reinbringen?

Fundraising muss mehr, als nur auf "Null" aufgehen. Fundraising ist ein Hebel.
Fundraising muss mehr, als nur auf “Null” aufgehen. Fundraising ist ein Hebel.

Kürzlich erreichte mich bei einem Seminar in der Mittagspause nach längerer Zeit wieder die Frage: “Müssen Sie Ihr Gehalt eigentlich über Spenden reinbringen?” Wer jetzt schmunzelt, dem sei gesagt, dass ich diesen Satz schon häufiger gehört habe.

Von wem hörte ich diesen Satz am häufigsten? Es sind nach meiner Wahrnehmung in erster Linie neue Fundraiser/innen, welche ganz oder neben einer Haupttätigkeit in einer gemeinnützigen Einrichtung, das Fundraising neu aufbauen sollen und noch keine beruflichen Erfahrungen im Fundraising haben. Aber auch aus kirchlichen Kontexten habe ich diese Frage schon gehört, von Pfarrern oder Fundraising-Beauftragten verschiedener Ebenen.

Wie kommt es zu diesem Satz, “Müssen Sie Ihr Gehalt eigentlich über Spenden reinbringen?” Folgende Erklärungsmuster sehe ich: „Müssen Sie Ihr Gehalt reinbringen?“ weiterlesen

So nicht: Mailing mit Druck

Rosenkranz in einem Spendenmailing
Maximaler Druck: Beiliegender Rosenkranz in einem Mailing.

Grauslich, was einem manchmal in die Hände fällt. In diesem Fall ist es ein Spendenmailing des “Mutter Teresa Kinderhilfswerk e.V.” Als Absenderadresse wird Niederaula angegeben, laut Homepage und DZI ist das Büro aber in Berlin zu finden.

Das Mailing ging an die Mutter (ca. 80 Jahre alt) einer Kollegin. Rund 1 cm dick ist es, in einer durchsichtigen Weichplastik-Verpackung kommt es an. Hier das Package mit vierseitigem Brief und einem Prospekt mit Anleitung zum Rosenkranz-Gebet: „So nicht: Mailing mit Druck“ weiterlesen

Ehrlich sein – auch im Kleinen

Ein "Disclaimer", der im 21. Jahrhundert deplaziert ist.
Ein “Disclaimer”, der im 21. Jahrhundert deplaziert ist.

Eine kleine Unehrlichkeit, die vermutlich nur noch aus Gewohnheit geschieht. Aber weil sie so penetrant ist – mir fällt sie seit über 10 Jahren auf -, muss ich es doch mal loswerden.

Liebe Verantwortliche des Fundraising von Bethel: Bitte verzichtet doch endlich auf den nebenstehenden Absatz in Euren Mailings.

Es ist geheuchelt bis zum geht-nicht-mehr, wenn behauptet wird, dass der Überweisungsträger nur deswegen im Briefumschlag ist, weil sich damit der Versand des ¨Bote von Bethel¨ so einfach und preiswert adressieren lässt. Es ist eine sehr gebogene Wahrheit, wenn ich lese, dass natürlich niemand durch die Zusendung des Zahlscheins zu einer Spende genötigt werden soll. Der gesamte Brief, Zahlschein, Inhalt des ¨Boten¨ dreht sich um nichts anderes, als darum, Menschen zu einer Spende, einer Geburtstagsaktion oder einem Vermächtnis für Bethel zu bewegen.

Dieser verschämt-verdruckte Absatz, der leider – und deshalb schreibe ich es so deutlich – von einigen Werken im evangelisch-pietistischen Milieu kopiert wurde, ist im Jahre 2014 nicht mehr glaubhaft. Das ist ein Absatz, der die Lesenden für einfältig hält und drückt ein Menschenbild der Spender aus, welches – davon bin ich überzeugt – in der Organisation selber längst nicht mehr gelebt wird. Solch ein Passus strahlt letztendlich auf die gesamte Kommunikation aus, zumindest unbewusst.

Also: Bitte streichen! Mit etwas Glück fällt er auch irgendwann bei all den Nachahmern weg, welche “blind” kopieren, was das große Traditionswerk und Vorbild im Fundraising macht..

Hier übrigens das gesamte Zahlschein-Formular (persönliche Daten verfälscht):

Zahlschein- und Lastschrift-Formular von Bethel.
Zahlschein- und Lastschrift-Formular von Bethel.

PS: Als ich bei meinem Arbeitgeber anfing, war dieser Absatz auch auf den Mailings drauf. Das war 2002. Dieser Passus fiel als erstes weg.

Goldene Regel mit Patina

Ans Meer oder in die Berge? - ein Klassiker, der zeigt, warum die Goldene Regel ihre Grenzen hat.
Ans Meer oder in die Berge? – Ein Klassiker, der zeigt, warum die Goldene Regel ihre Grenzen hat.

Wenn einem gar nichts mehr einfällt, um seinen Kindern eine Regel zu erklären, dann bietet sich als Notnagel immer noch die Goldene Regel an. Es gibt sie in verschiedenen Formulierungen, insbesondere aber in einer negativen und in einer positiven Formulierung. Nach der Wikipedia lauten die bekanntesten Formen:

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“

Im Fundraising höre ich immer wieder Handlungsbegründungen, welche nach diesem Schema argumentieren. Man soll dies oder jenes tun, weil man selber doch wolle oder nicht wolle, dass dies oder jenes mit einem geschieht. Und es ist auch sehr nachvollziehbar, diese Argumentation zu verwenden, denn im Allgemeinen fährt man damit sicher nicht schlecht. Zumindest dann, wenn wir an die klassischen Gebote und Verbote denken, wie Diebstahl, Lüge, Betrug, Mord.

Doch fürs Fundraising halte ich die Goldene Regel mehr und mehr für fragwürdig. Denn sie dient schnell dazu, eine persönliche Befindlichkeit zum allgemeinen Maßstab zu machen, ohne dass dies den Spendern und Förderern wirklich dienlich wäre. Ja, die Goldene Regel ist so etwas wie der “Gesunde Menschenverstand” – vor 80 Jahren gesundes Volksempfinden genannt – und damit etwas, wo sich mir die Nackenhaare zu sträuben beginnen. Denn ich reagierte schon immer allergisch darauf, wenn mir jemand sagen wollte, was mein Bestes wäre.

Im Fundraising gibt es viele geschriebene und ungeschriebene Gesetze und Regeln. Doch mit die Wichtigste ist aus meiner Sicht:

Behandle Deine Förderer so, wie sie (!) behandelt werden möchten.

Damit ist schon das Meiste gesagt. Biblisch betrachtet, schuf Gott den Menschen nach seinem Angesicht. Davon, dass die Spender nach dem Angesicht der Fundraiser geschaffen wurden, steht nichts geschrieben. Trotzdem argumentieren wir sehr oft genau aus dieser Perspektive. Sobald wir anfangen mit “Ich mag am liebsten, wenn …”, um eine Handlung im Fundraising zu begründen, sind wir schon in der Falle gelandet. Denn unsere eigenen Bedürfnisse, auch wenn wir selber als Spender tätig sind, können sich von den Wünschen der Spender unserer Organisation diametral unterscheiden.

Ich hatte dies unter anderem einmal in einem Beitrag über Flyer, welche Leser interessieren, beschrieben gehabt. Wir können völlig falsch liegen, wenn wir unsere Haltung, unsere Sicht, unsere Bedürfnisse verallgemeinern.

Die Goldene Regel hat also nicht nur Patina, sondern kann uns im Fundraising geradewegs ins Verderben führen.

Über Spender sprechen

Würden Ihre Förderer im Fundraising-Vortrag den gleichen Menschen erleben, wie im persönlichen Kontakt?
Würden Ihre Förderer im Fundraising-Vortrag den gleichen Menschen erleben, wie im persönlichen Kontakt?

Wie sprechen Sie Ihre Spenderinnen und Spender an? Ich erlebe dabei ganz unterschiedliche Begriffe, wenn ich mir die Spendenbriefe oder Internet-Seiten von gemeinnützigen Organisationen ansehe. Bei meinem Arbeitgeber haben wir den Begriff “Freunde und Förderer” 2004 eingeführt. Diese Worte empfanden wir damals – und tun es heute noch – als respektvoll und aufrichtig. Und so ähnlich handhaben es die meisten NGOs: Für die öffentliche Kommunikation werden Bezeichnungen gewählt, welche mit gutem Gewissen veröffentlicht und von Unterstützern gelesen werden können.

Auf einem Seminar, welches ich einmal besuchte, erlebte ich eine Referentin, welche sehr engagiert und kompetent über ihre Arbeit sprach und die Kontakte zu den Förderern betonte. Das klang alles sehr stimmig. Doch gegen Ende des Vortrags wurden auch forderndere Kontakte zu Förderern beschrieben. Und da erhielt der Vortrag eine Drehung: „Über Spender sprechen“ weiterlesen

Mehr Schein als Sein? Oder: Wann ist ein Shop ein Shop?

Schwein - oder nur Schein?
Schwein – oder nur Schein?

Durch einen Newsletter stieß ich letzte Woche wieder auf einen schön aufgemachten Spendenshop der Welthungerhilfe. Dabei fiel mir auf, dass im Newsletter bereits darauf hingewiesen wurde, dass der Shop eigentlich gar kein Shop sei. Merkwürdig, dachte ich bei mir. Das interessiert mich jetzt aber. Und somit erfüllte der Newsletter seinen Zweck und leitete mich auf die Website.

Und mir gefiel der Shop der Welthungerhilfe auf den ersten Blick sehr gut. Nett gefaltete Origami-Tiere illustrieren die Shop-Artikel. Und wer sich – wie ich – nicht lange mit den Randtexten aufhält und einfach mal einen Artikel anklickt, wird z.B. beim Schwein lesen: „Mehr Schein als Sein? Oder: Wann ist ein Shop ein Shop?“ weiterlesen