Blockaden überwinden

Große (oder zu viele) Ziele lösen in uns Fluchtreflexe aus.

In der Beratung erlebe ich häufig, dass voller Neid auf erfolgreiche Kollegen und ihre Arbeit geblickt wird. Als Referent höre ich regelmäßig Sätze wie “Ja, bei der eva, da funktioniert das, weil …”. Standardsätze, warum ein Fundraising-Ansatz bei einem selber nicht möglich ist, sind beispielsweise:

– Unsere Spender mögen das Thema einfach nicht.
– Dafür reicht unser Budget nicht.
– Wenn ich noch zwei Kollegen mehr hätte, dann ginge es.
– Im Alltag habe ich soviel zu tun, …
– Da müsste ich mich erst einarbeiten.
– Die Kollegen ziehen da nie mit.
– Unsere Erfahrungen sind da anders.
– Das mag unser Vorstand nicht.
– …

Bei all diese Sätzen frage ich mich dann, warum bei manchen Organisationen einfach alles zu klappen scheint und bei anderen keinerlei Fortschritte zu sehen sind. Ein Feld, welches in der umfangreichen Wirtschafts-Ratgeberliteratur ein beliebter Garant für hohe Auflagen ist. Nutze die Methoden von xy und werde erfolgreich wie xy.

Was zeichnet erfolgreiche Fundraiser aus?

Hätte ich diesen Titel als Überschrift gewählt, wären die Klickzahlen wohl schlagartig angestiegen. Erfolgsrezepte, möglichst in Aufzählungsform, sind ja unschlagbar, um Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Was unterscheidet nun erfolgreiche Fundraiser von jenen, welche sich scheinbar immer wieder im Kreis drehen, die gleichen Fragen wälzen? Es sind zwei Punkte:

  1. Sie haben ein Ziel vor Augen.
  2. Sie fassen den Entschluss, sich dem Ziel zu nähern – und seien die Schritte noch so klein.

Das Ziel

Die Ratgeberliteratur zum Fundraising umfasst Regalmeter, insbesondere, wenn noch die englischsprachigen Bücher hinzu kommen. Ergänzend gibt es zahlreiche Newsletter, Portale und Blogs – gefüllt mit Best-Practice-Beispielen, Anleitungen, Vorschlägen und Angeboten. Und diese Fülle ist ein Problem. Sie erschwert uns massiv, uns für einen Ansatz zu entscheiden.

Insbesondere bei einer vielleicht noch kleineren Fundraising-Organisation am Anfang ihrer Bemühungen geht der Blick zu den Großen und Erfolgreichen der Branche, zu den auf Kongressen und Seminaren präsentierten leuchtenden Beispielen. Unerreichbar erscheinen sie und es ist kein Weg sichtbar, dieses Niveau zu erreichen, denn … (siehe die Sätze oben).

Wäre Fundraising ein Sport, dann wäre es uns klar: Meisterschaft fällt nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis von Begabung, Fleiß, Ausdauer und vielen kleinen Schritten.

Kleine Schritte

Wenn das Ziel, welches wir vor Augen haben (die Vision, …) zu groß erscheint, dann bekommt unser Gehirn (der Teil, der Mandelkern genannt wird – Cortex) Angst. Angst sagen wir ja nicht gerne, wir umschreiben es mit “Schreibblockade” oder rationalisieren die Angst durch Sätze wie oben beschrieben. Und diese Angst löst evolutionär betrachtet einen Kampf- oder Flucht-Reflex aus. Manche laufen bei Herausforderungen zu Hochform auf – Kampf, andere entscheiden sich für die Flucht, die Blockade, die Ausreden.

Wer sich nun traut, dem Ziel mit minimalen Schritten näher zu kommen, der kann diesen evolutionären Blockaden entgehen. Sie müssen nur den Mut aufbringen, in kleinen oder kleinsten Schritten voranzuschreiten. In der heutigen Leistungsgesellschaft ist dies in der Tat eine mutige Tat.

Kleine Beispiele aus anderen Bereichen:

  • 60 Minuten joggen können: Mal klein anfangen mit 15 Minuten, davon 1 Minute gehen, 1 Minute joggen, 1 Minute gehen … Nach einer Woche vielleicht steigern auf 1 Minute gehen, 1,5 Minuten joggen, … Diese kleinen Steigerungen machen dem Gehirn keine Angst, dass wir uns überfordern. Und plötzlich joggt man locker eine Stunde im Rhythmus 6 Minuten joggen, 1 Minute gehen, …
  • Aufgeräumter Schreibtisch: Ein völlig überfüllter Schreibtisch demotiviert viele völlig, sich mit seiner Leerung zu befassen. Warum nicht klein anfangen:
    – Jedes heute neu dazukommende Papier wird noch heute aufgeräumt.
    – Zusätzlich wird ein (ja, nur EIN) Blatt mehr aufgeräumt.
    Das scheint doch machbar.

Die einzige Hürde ist die, dass unser Ego, die eigene Leistungserwartung (oder die Blicke anderer) gleich “alles oder nichts” will. Wir müssen glauben, dass uns auch kleine Schritte weiterbringen!

Und: Wer einen kleinen Schritt macht, hat einen Anfang gemacht. Und wir alle haben schon die Erfahrung gemacht (da bin ich sicher), dass auf einen ersten Schritt noch ein zweiter folgt und manchmal dann so etwas wie Flow entsteht und die Arbeit so richtig gut von der Hand geht.

Fazit

Funktionierendes und begeisterndes Fundraising fällt nicht vom Himmel. Manche Randbedingungen erleichtern es sicherlich. Aber viele Sätze, warum es im konkreten Fall nicht geht, nicht funktionieren kann, sind vielmehr Symptom einer Blockade, welche dorch klare (kleine) Ziele und kleine und kleinste Schritte angegangen werden kann.

Trauen Sie sich …

  • große Ziele in viele kleine Zwischenziele zu unterteilen;
  • nicht mehr 14 Ziele in die Jahresplanung aufzunehmen, sondern vielleicht mit nur einem (!) Monats- oder Quartalsziel zu arbeiten;
  • täglich einen Schritt in Richtung ihres Zieles zu gehen – und sei der Schritt noch so klein.

Wenn wir uns nicht in Richtung unserer Ziele bewegen, entfernen sie sich mental von uns. Tägliche Schritte in die richtige Richtung, bringen uns dem Ziel nicht nur näher. Diese Schritte schenken uns auch die Zuversicht, dass wir unser Ziel erreichen werden.

Übrigens ist dies auch die Philosophie, welche wir täglich den Spenderinnen und Spendern vermitteln. Jede (jede!) Spende hilft. Denn jede Spende ist ein Schritt. Nehmen wir diese Philosophie auch für unsere Motivation – egal, wo wir persönlich und in unserer Organisation im Fundraising stehen.

 

Oder um es mit meinem Lieblings-Zitategeber, H.D. Thoreau zu sagen:

“Das eine wenigstens lernte ich bei meinem Experimente: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ.” (Walden, S. 314)

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