58 Prozent Nichtspender

Sackgasse Fundraising?
Sackgasse Fundraising?

Nach 45 Prozent im Vorjahr haben sich in 2015 nur 42 Prozent der Bundesbürger dazu entschieden, eine gemeinnützige Organisation zu unterstützen. Die Durchschnittsspende stieg dagegen in den vergangenen 12 Monaten von 128 Euro auf 146 Euro.

Quelle: Pressemitteilung des Deutschen Fundraising Verband auf Basis des im Dezember 2015 veröffentlichten TNS Infratest Spendenmonitors.

Und was machen wir Fundraiser? Wir überlegen Jahr für Jahr an immer den gleichen Fundraising-Methoden herum. Lebt das Mailing noch oder ist es tot? Welchen Segen bringt das Online-Fundraising (irgendwann einmal)? Wer erhält den größten Brocken im noch ungeschriebenen Förderer-Testament auf eleganteste Weise? Sind Spenden nach Markt- oder Gabe-Logik zu betrachten? Wie emotional dürfen oder müssen Bilder sein? Und der Deutsche Fundraising Verband claimt “Wir stärken die Kultur des Gebens”. Helfen uns als Hilfsmittel zum Spender- und Spendenverständnis Darstellungen in Pyramiden-, Kreisel-, Kreis- oder Dreiecksform? Und wenn ich mir die aktuellen Referentenskripte auf den Fachtagungen und Kongressen ansehe, so merke ich inhaltlich keine große Veränderung zu den Skripten vor 15 Jahren. 

Das sind alles gute und rechte Fragen und Ansätze. Aber sie betreffen im Kern nur unsere Bemühungen, von den – noch – 42% spendenaffinen Menschen Deutschlands eine Spende/Gabe/Zuwendung zu erhalten. Ja, manchmal gelingt es, jemandem ganz neu die Freude am Spenden zu vermitteln. Aber das scheinen die Ausnahmen zu sein.

Ja, mich frustriert diese Entwicklung – trotz meiner beruflichen Erfolge als Fundraiser in einer diakonischen Einrichtung. Denn die Jahr für Jahr steigenden Spendenzahlen verdecken diese gesellschaftlich höchst kritische Entwicklung. Denn eine starke Zivilgesellschaft definiert sich nicht nur über den staatlichen Willen, welche gemeinnützigen Zwecke über Transferleistungen (Fördergelder, Zuschüsse, Pflegesätze etc.) erhalten werden sollen.

Vielleicht “retten” uns spendenbedürftige Organisationen ja die geburtenstarken Jahrgänge, welche jetzt im “spendenfähigen” Alter ankommen. Aber sind diese auch spendenaffin? Können wir sie mit unseren aktuellen Ansätzen begeistern?

Wenn wir über die Zukunft des Fundraisings sprechen, müssen wir uns Gedanken machen, warum 58% der Bevölkerung nicht spenden.  Und ich glaube nicht, dass diese 58% nur in strukturschwachen Bundesländern wohnen oder von staatlichen Transferleistungen leben.

Nein. Wir müssen herausfinden, warum für diese Menschen der Gedanke an eine Spende – ob für soziale, ökologische oder kulturelle Zwecke – so fremd ist. Und wir müssen uns Gedanken machen, ob und wie wir sie a) erreichen und b) interessieren können.

Und ich vermute, das klappt nicht mit unseren tradierten Fundraising-Denkmustern.

Ideen? Forschungsansätze? Laufende Vorhaben? Über eine weiterführende Diskussion würde ich mich freuen!

tl;dr: Wie sehen idealtypische Gruppen von Nicht-Spendern aus? Wenn wir diese nicht kennen, wird Fundraising in einer Sackgasse landen.

1 Gedanke zu „58 Prozent Nichtspender“

  1. Liebe Kai,

    ich bin da gedanklich voll bei Dir. Den Zahlen traue ich aber nicht ganz. Internationale Studien erfassen zum Beispiel auch Hilfsbereitschaft und Ehrenamtliches Engagement als Fundraising, weil es ja auch eine persönliche Beziehung zwischen dem “Spender” und dem Projekte bzw. den dort arbeitenden haupt- und ehrenamtlichen Personen bedarf. Das sollte man nicht vergessen. Ich denke auch da würde es in Deutschland besser aussehen. Denn wenn “nur” 80 % der Ehrenamtlichen Spenden, sich aber ein Drittel der Deutschen ehrenamtlich engagiert, kommt da noch was oben drauf.
    Zu Deiner Beruhigung – auch in anderen Ländern stagniert die Spendenbereitschaft seit Jahren und Spender werden vorsichtiger: http://www.fundraiser-magazin.de/index.php/dossier/internationale-trends-im-fundraising.html. Erst letzte Woche sprach ich mit einer Schweizer Spendenorganisation, die ihr Heil im Nachlass-Fundarising und in der Unternehmenskooperation sieht, “weil alles andere ausgereizt ist”. Bedeutet das aber zwangläufig, das der “Rest” nie spenden wird? Ich glaube nicht das dies nur ökonomische Gründe hat. Das zeigen schon Initiativen wie “Deutschland rundet auf.” Ich glaube es ist eine Kulturfrage und eine Frage wohin sich das Lebensgefühl in unserer Gesellschaft entwickelt.
    Passen den Spenden und die Bindung an eine Spendenorganisation noch in das Lebensgefühl heutiger 60 jähriger? Die sehen sich jetzt als aktive Senioren, die Ihren Ruhestand flexibel und immer noch auf alle Eventualitäten vorbereitet (Pflege, große Reise, Unfall, Verlust des Partners, Wunscherfüllung) planen. Bei denen ist mit der Rente noch nicht alles vorbei und der Spendenbrief dient da nicht unbedingt mehr nur zur Gewissensberuhigung, weil es einem ja gut geht. Sie wollen überzeugt sein, einen Verein in dieses Leben zu lassen und das kostet Zeit, Geld und braucht gute Ideen und überzeugende Argumente- denke ich. Denn Forschung gibt es dazu wenig – maximal aus dem Seniorenmarketing oder wenn aus Focusgruppen-Untersuchungen oder Spenderbefragungen einzelner Spendenorganisationen mal was nach außen dringt. Doch die Organisationen könnten das gemeinsam herausfinden, Marktforschung mit dem Focus auf Gemeinnützigkeit anschieben. Doch wollen Sie es überhaupt wissen? Wollen Sie in die “58 % ohne Potenzial” investieren und können sie das aushalten, wenn Sie medial nach dieser “Spendenverschwendung” gefragt werden?
    Kooperationsprojekte sind in Deutschland weitaus schwieriger zu organisieren als in Österreich und der Schweiz, wo der Markt überschaubarer und die gemeinnützigen Organisationen vertrauter miteinander sind. Aber ohne Vertrauen untereinander wird es nicht gehen, gemeinsam Erfolg zu haben. Aktion Deutschland hilft oder VENRO zeigen, wie es gemeinsam gehen kann. Denn Spenden werden wir noch lange brauchen. http://www.ngo-dialog.de/index.php/newsletter-artikel-lesen/items/interview-01-2016.html

    Es kann also nur einen Weg in die Forschung geben – Kooperation. Aber wir müssen das wollen.

    Schöne Grüße

    Matthias Daberstiel
    Fundraiser-Magazin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.