Nov 182014
 
Je niedriger die Sonne am Fundraiser-Horizont steht, desto länger der Schatten einer Stiftung.

Je niedriger die Sonne am Fundraiser-Horizont steht, desto länger der Schatten einer Stiftung.

Ich bin ein Freund von Stiftungen … wenn sie zum Fundraising-Mix einer Organisation passen. Zwei Stiftungen habe ich auch maßgeblich konzipiert und bei einer Geburtshilfe geleistet. Doch wie ich auch hier im Blog schon schrieb: Eine Stiftung zu gründen, weil es gerade in Mode scheint oder einem nichts besseres einfällt, halte ich für einen groben Fehler. Eine Stiftung muss immer zu den Fundraising-Zielen passen und zum Mix der Fundraising-Instrumente.

Wie komme ich darauf? Nun, vor einer Woche flatterte mir folgende Meldung in den elektronischen Postkasten:

Aichwald (epd). Die bauliche Zukunft ihrer mittelalterlichen Kirchen will die Evangelische Kirchengemeinde Aichwald (Kreis Esslingen) mit einer Stiftung absichern. Mit der “Vier-Kirchen-Stiftung, die am 14. November gegründet wird, sollen Finanzierungsquellen über die Kirchengemeinde hinaus erschlossen werden, (…) Die Kirchengemeinde Aichwald mit 3.500 Mitgliedern ist zuständig für denkmalgeschützte Kirchen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert (…).

Die Kirchengemeinde, (…) wolle keine der Kirchen aufgeben müssen, (…) Als Startkapital für die Stiftungsgründung hätten mehr als 70 Privatpersonen, Vereine, Firmen und die Kommune 114.000 Euro zusammengetragen. Pfarrer Jochen Keltsch nannte als nächste Baumaßnahmen an den Kirchen die Außenrenovierung der Schanbacher Kirche mit 260.000 Euro, einen neuen Motor für die Glocke in Aichelberg und Reparaturen an der Heizung in Krummhardt mit rund 30.000 Euro.

(Quelle: epd-Südwest/Kirchen/Baudenkmale/Finanzen/; 2555/07.11.2014; epd lbw mu- cr)

Wenn ich lese, dass zum Start “gerade mal” 114.000 Euro zusammen kamen, aber alleine als aktuelle Baumaßnahmen 290.000 Euro anstehen, so erschließt sich mir die Strategie hinter der Stiftungsgründung nicht. Natürlich, so wird mir jetzt entgegnet werden, soll es ja nicht bei den 114.000 Euro bleiben, sondern es sollen Zustiftungen und Vermächtnisse folgen. Aber ist es realistisch, anzunehmen, dass dadurch ein Betrag von einer Million oder deutlich darüber zusammenkommen wird? Immerhin ist hier die Rede vom Bauunterhalt von vier (!) mittelalterlichen Kirchen. Beim aktuellen Zinsniveau, wo sogar schon Strafzinsen für Festgeldanlagen diskutiert werden, bringt Kapital nicht so viel ein.

Als Benchmark dazu die “Drei-Kirchen-Stiftung” im nicht weit entfernten Kirchenbezirk Geislingen. Diese wurde 2006 mit 192.000 Euro errichtet und hat Ende 2012, also nach sechs Jahren Werbung, 307.000 Euro Kapital erreicht. Und eine tragende Säule ist die Stiftung noch lange nicht, wenn man die notwendigen laufenden Bausummen und die möglichen Zuschüsse aus der Stiftung im Rundbrief der Stiftung gegenüberstellt.

Wenn ich mir diese Projekte ansehe und gleichzeitig die demografische Situation der Kirchenmitgliedschaften vor Augen führe, so stellt sich mir doch die Frage, ob einzelne gezielte Fundraising-Maßnahmen für den Bauunterhalt der Kirchen nicht ertragbringender wären als die sehr geringen Zinserträge der Mini-Stiftungen. Und muss eine Kirchengemeinde wirklich alle Kirchen erhalten, nur damit “die Kirche im Dorf bleibt”? Zementiert eine Stiftung hier nicht Strukturen, Gebäudestrukturen, welche vielleicht in bereits 50 Jahren völlig überholt sind?

Diese Überlegungen sehe ich noch viel zu selten aufschimmern zwischen all den Jubelmeldungen über eine Stiftungserrichtung nach der anderen. De facto wird hier das Geld von Kirchenmitgliedern “begraben”. Wäre es für eine Kirchengemeinde nicht belebender, alle 2-4 Jahre einmal ordentlich die Fundraising-Karte zu ziehen und damit die den Bauunterhalt der Kirchen aktiv und lebendig in die Gemeinde zu bringen? Nun, vielleicht wurden diese Überlegungen ja getätigt … leider finde ich sie nirgends dokumentiert.

Fazit: Die Gründung einer Stiftung wird noch immer als Allheilmittel angesehen und gepriesen, wenn es um die nachhaltige Finanzierung gerade von Bauprojekten geht. In der Realität sind diese Stiftungen so ehrfuchtseinflößend wie der Scheinriese Herr Tur Tur  in Michael Endes “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer”. Aus der Ferne wirkt der Stiftungsbegriff mächtig, finanziell potent und mit hohem Fundraising- und Wachstumspotential. Je mehr man sich diesen Stiftungen aber nähert, desto kleinerund wirkungsloser erscheinen sie, schrumpfen auf Normalmaß.

Kleiner Ausblick: Wäre eine Verzehrstiftung nicht eine zeitgemäßere und der Realität angepasstere Alternative? Mehr dazu in einem der nächsten Blog-Artikel.

Disclaimer: Als Fundraiser und Geschäftsführer einer diakonischen Stiftung in Stuttgart stehe ich natürlich in einem gewissen Wettbewerbsverhältnis zu den Stiftungsgründungen in der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Allerdings weiß ich dadurch auch um die Mühen, eine Stiftung groß werden zu lassen.

Nov 132014
 
Tiefer Fall: Transparenzpreis von PwC abgestürzt

Von 2005 bis 2012 hat sich die Wirtschaftsprüfung- und Beratungsgesellschaft PwC mit dem “Transparenzpreis” in der Nonprofit-Szene Deutschlands getummelt. Damit traf das Unternehmen den Zeitgeist, denn im Nachklapp zu den Rekordspenden zugunsten der vom Tsunami betroffenen Länder, war die Frage, wieviel der eingegangenen Spenden werden zielgerichtet und effizient eingesetzt, in der öffentlichen Diskussion. Die UNICEF [weiter lesen]

Nov 072014
 
Happy End - Spender gut verabschieden

Wir geben uns im Allgemeinen viel Mühe, wenn es darum geht, neue Spender in einer Organisation willkommen zu heißen. Zumindest ist es uns eine Menge Papier wert, wenn ich mir die Begrüßungs-Umschläge so ansehe, die ich erhielt. Doch wie sieht es aus, wenn uns Spenderinnen und Spender verlassen? Gute Abschiede sind selten Wenn Spender nicht [weiter lesen]

Okt 092014
 
Entbehrlich werden - so geht es

Kürzlich forderte ich auf, im Job entbehrlich zu werden. Nicht unbedingt im Sinne, dass künftig Industrieroboter die Arbeit von Fundraisern übernehmen können, sondern im Sinne, dass man guten Gewissens in Urlaub, auf eine neue Stelle und zu neuen Aufgaben gehen kann. Oder dass man sich – der Jahreszeit gemäß – bei einer Krankheit auch auskuriert. [weiter lesen]

Okt 012014
 
Entspannter sein

Können Perfektionisten zufrieden sein? Ich habe da so meine Zweifel. Zumindest dann, wenn ein Perfektionist mit anderen – nicht perfekten – Menschen zusammenarbeiten muss. Perfektionismus ist eine Welt für sich. Er braucht feste Regeln. Und er braucht vor allem Grenzen. Denn Grenzen schützen vor der unperfekten Welt, vor dem Chaos hinter der Mauer, in der [weiter lesen]

Jul 292014
 
3.000-Euro-Spende durch „verrückte“ Tauschaktion

Tauschen ist im Trend, so scheint es mir. Hatte ich vor 14 Tagen noch ein Beispiel zitiert, so lese ich in der Mitarbeiterzeitschrift der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, eva-inteam Juli – September 2014, nachfolgenden Bericht, den ich ungekürzt wiedergebe: —————– 3.000-Euro-Spende durch „verrückte“ Tauschaktion Eine ungewöhnliche Tauschaktion hat an Pfingstsamstag Sach- und Geldspenden im Wert von [weiter lesen]

Jul 222014
 
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Jul 182014
 
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Jul 082014
 
Seid entbehrlich!

Wir werden gerne gebraucht Ach, wie schön und befriedigend kann es sein, wenn man gebraucht wird. Wir Menschen sind einfach soziale Wesen und ziehen in den meisten Fällen Bestätigung und Selbstbewusstsein auch aus dem Miteinander mit Anderen. Klar, so völlig ohne Dritte kann praktisch niemand existieren. Dazu zählt auch, wenn man im Berufsleben einer sinnstiftenden, [weiter lesen]

Mai 292014
 
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Da ist sie wieder: Die Verheißung, dass es garantierte Rezepte im Fundraising gibt und die großen Spendenorganisationen mit ihren Ansätzen schon richtig liegen. Heute kam sie wieder in Form des Newsletters vom Rob Woods, der mit http://brightspotfundraising.co.uk/ primär den britischen Markt bedient. “UNICEF UK, Oxford University and NSPCC can’t all be wrong”, so heißt es etwas [weiter lesen]